professorbunsens netzlabor

Man kann sich eigentlich nur wundern.

It must schwing!

Bei der famosen Eröffnungsfeier der olympischen Spiele ist er mir mal wieder aufgefallen, der tiefe popkulturelle Riss zwischen mir und großen Teieln meiner Generation. Als die Arctic Monkeys, oder wie die Typen da heißen, von der Welt umjubelt auf ihren Instrumeten rumgefuhrwerkt haben, habe ich bloß opaesk gedacht: “Soso, liebe Kinder, das nennt ihr also Musik?”

Bei “Rockmusik” und ihren Artverwandten, also immer wenn Stromgitarren, akkustisches Schlagzeug und Viervierteltakt eine sterbenslangweilige Liaison eingehen, passiert bei mir im Herzen: genau garnichts. Nicht die kleinste Rührung. Bloß ein zunehmendes Unwohlsein ob des Lärms und leichte Beklemmung über die sich unverständlich exaltiert verhaltenden Anderen. Dasselbe bei Techno aus den 90ern: Regung? Nüschte. Nur Verwunderug.

Erinnern sich Altersgenossen bei “Smells like Teen Spirit” an wilde Tanzparties und Sehnsüchte galore, ist meine Erinnerung die Folgende: Ich höre den Song zum ersten Mal im Radio (ohne in diesem Augenblick zu wissen, dass er Popgeschichte schreiben wird) und setze zu einer Tirade an, dies sei nur eins von tausenden Beispielen nixnutziger Rockmusik, die vor fader Ödnis umweht und austauschbare Langeweile verstömend zurecht sofort wieder vergessen werden würde. Heute weiß ich, dass viele Meschen das anders erleben, ich komme aber nicht dahinter, was mit denen los ist. Rockdiskos? Was soll das sein, wie soll das gehen?

Meines Erachtens gibt es nur ein einziges Kriterium für Musik und das kommt direkt aus dem Herzen. In der Formulierung berufe ich mich allzu gerne und tief verneigend auf den großen Musikhörer Alfred Lion: “It must schwing!”

Der Groove macht die Musik. Der Rhytmus, bei dem man mit muss. Will ich mitwippen, kopfnicken, fingerschnippen: gut, sonst vergiss es! Um es mit dem “So einfach ist das!”-Mann zu sagen: So einfach ist das! Wenn ihr die Synkopen und Triolen zu Hause gelassen habt, braucht im meinem Leben gar nicht erst aufzutauchen. Ansonsten: Herzlich willkommen! Egal, ob ihr nun Jazz oder Minimal oder Funk oder Hip Hop macht.

“It must schwing!” Das wollte ich bloß auch noch mal gesagt haben.

Die magische soziale Alchemie meiner Timeline

Vor einiger Zeit erbroch sich samstagmorgens in unsere Küche der Wutanfall einer Radiojournalistin des WDR. Zornig zeterte sie über Wildfremde, die da einfach so ins Internet schrüben. Narzistische Vollhorste allesamt, die glaubten, die Welt interessiere sich dafür, dass man gerade Kaffee trinke oder Liebeskummer habe! Da mache sie nicht mit, ihre eigene „Gedankenkotze“ wolle sie nicht im Internet abladen. Wieso mein Radio dafür ein besserer Ort dafür sein soll, ließ sie offen.

Piraten hin, Wikipedia her, Facebook überall zum Trotz: Es gibt ihn, den digitalen Graben und vor mir tut er sich oft mariannengrabentief auf. In aller Regel fehlt den Menschen auf der anderen Seite dieses Grabens jede auch nur ungefähre Ahnung der Magie digitaler Medien. Sie wundern sich, weil sie glauben, hier würden anonyme Schablonenmenschen und zurecht vergessene Schulfreunde ihren belanglosen Alltag protokollieren. Und idiotischerweise eitel eingebildet darauf hoffen, ein anonymes Riesenpublikum begeistern zu können.

Offenbar weiß man allgemein zu wenig über die bezaubernde soziale Alchemie einer Timeline. Technisch gesprochen ist die Timeline die in Echtzeit aktualisierte Liste der Statusmeldungen aller Nutzer, denen man folgt. Sinnvoll gesprochen ist es ein rauschender und nimmer versiegender Strom aus kurzen Texten, Fotos, Videos und Links, Kommentaren, Witzen, Hinweisen, Wortspielen, Mitteilungen, Liebesschwüren, Fragen, Diskussionen, Beleidigungen, Wunderlichkeiten und einer guten Prise Unverständlichem. Mit jeder Sekunde pulsiert sie weiter, tagsüber, wenn auf der Welt etwas passiert, schneller, nachts ein wenig langsamer und versponnener. Gänzlich Unverbundenes prallt hier gleichzeitig aufeinander, vollkommen unvermittelt, zerbirst in tausend bunten Funken und im wilden Sturm der Worte, Bilder, Filme, Töne braut sich etwas neues zusammen, Strömungen entstehen, Resonanzen schwingen, wellenförmige Beben sorgen für immer neue Verwerfungen und Muster.

Meine Timeline (Symbolbild)

Dieser ungeheure Reaktor ist mein Fenster zur Welt, denn alles, was ich über die Welt weiß, weiß ich aus den Massenmedien. Und alles, was ich aus den Massenmedien weiß, weiß ich durch meine Timeline. Durch sie gucke ich hinaus in die Welt und erfahre, was los ist, durch den endlosen Strom der Kurzmitteilungen und die darüber herangespülten Links, Artikel, Filme, Bilder. Kulturpessimisten sprechen von der „Filterblase“, wenn sie bedauern, dass nicht mehr alle Bürger preußisch pünktlich gleichzeitig um acht vor der Tagesschau sitzen, ich lieber davon, dass, wie keine Schneeflocke einer zweiten gleicht, auch jede Timeline unverwechselbar ist.

Die Homies, die in meiner Timeline schreiben, habe ich überwiegend noch nie persönlich getroffen, dennoch sind sie mir keine Fremden. Wenn ich mal tatsächlich jemand treffe: Großes Hallo und großes Vertrautsein, sofort. Es sind einige Journalisten, viele Quatschköpfe, schlaue Systemtheoretiker, bekannte Fernsehsender, Politaktivisten, Programmierer, Designer, Kollegen, Politiker, Freunde, Radiosender, Fotografen, DJs, Dichter, Forscher, Zeichner, Bots mit Tourettesyndrom und Barack Obama. Ich habe mir im Laufe der Zeit jeden einzeln selber handverlesen ausgesucht: Mal gefällt mir, wie jemand erwähnt oder zitiert wird, mal spinkse ich in der Timelines der anderen, mal werde ich direkt angesprochen, mal wird wer von jemand anderem direkt beworben, mal suche ich nach einem Schlagwort und stoße dabei auf jemanden, mal suche ich gezielt, ob jemand, den ich aus der stofflichen Welt oder den Massenmedien kenne, auch auf Twitter ist.

Zuweilen entferne ich auch mal wen aus meiner Timeline, es ist wie beim Kochen oder in der Musik, ein falsches Gewürz und ein schiefer Ton können das große Ganze empfindlich stören. Meine Timeline ist alles andere als ein See aus Gedankenkotze, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass sich der eine oder andere auch mal erbricht. Aber das unterscheidet meine Timeline dann auch nicht von einer guten Party.

Wie Apple das Fernsehen auf links drehen wird

Nennt es Fanboytum, nennt es Marketing, nennt es Gehirnwäsche. Aber ich habe eine Vision. Gewiss eine, die die Spatzen schon lange von den Dächern twittern, aber dennoch: Apple wird dieses Jahr das Fernsehen auf links drehen. Mitte dieses Jahrzehnts wird Fernsehen dann nicht mehr das sein, was es bisher war.

Ich will einmal mittel ausschweifend beschreiben, was ich klar vor Augen, äh, fühle.

So, oder so ähnlich wird er aussehen: Der Fernseher von Apple

Die Zeit ist reif. Wenn ich das Fernsehen einschalte, habe ich zunehmend den Eindruck, durch ein Zeitloch in ein Paralleluniversum gefallen zu sein. Die Tagesschau reiht abends langatmig und oberflächlich aneinander, was ich eh’ schon weiß. Sachen, die ich binnen Sekunden auf einer Website erfassen kann, werden in TV-Sendungen in quälenden Text-Bild-Scheren in die Länge gezogen. Und als Geeks verkleidete Investigativjournalisten berichten Fernsehmoderatoren, was die Menschen da draußen in diesem Internet so rummeinen (und meinen damit mich, der grad vorm Fernsehen sitzt und parallel bloggt).

Es ist ein typischer Apple-Moment. Es ist ja schon lange alles da für die Konvergenz von TV und digitalen Medien. Es gibt schon viele marktfähige und unterschiedlich erfolgreiche Angebote: YouTube, T-Entertain, Maxdome, Boxee, Internet-TVs mit YouTube und so weiter. Aber das alles rockt nicht. (Also, YouTube rockt schon, aber nicht auf dem Fernseher, das ist heute eher so, wie es vor dem iPhone auch schon mobiles Internet mit WAP gab.)

Was aus der Nutzersicht fehlt: Ein ikonisches Endgerät in beeindruckender Schönheit in Form und Bedienbarkeit, das finger-lickin’-good ist. Und das – viel wichtiger als der schöne Anschein – in der Summe seiner Teile etwas ganz Neues ergibt: TV after TV. So, wie das iPhone nicht nur ein neues Telefon mit Internetfunktion war. So, wie das iPad nicht nur ein Laptop ohne Tastatur oder ein übergroßes iPhone ist. So, wie der Macintosh nicht nur ein weiterer Rechenautomat für Nerds war. Was aus der Produzentensicht fehlt: Ein tragbares Geschäftsmodell für digitale Distribution, so wie iTunes und iPod für die Musikindustrie oder der Appstore für Software und Contentanbieter.

Design ist wohl das Erste, woran man bei Apple denkt. Wenn man sich die aktuellen Prototypen des potentiellen Zulieferers LG ansieht, die riesig in der Fläche und zugleich rasiermesserflach und randlos leicht daherkommen, ahnt man, wie ein radikal schlichter Entwurf heutige Geräte schlagartig alt aussehen lassen könnte. Wenn das einer designen kann, dann Jonathan Ive.

Seit der Erfindung der Fernbedienung vor drölfhundert Jahren steuert man TV-Geräte mit einem hässlichen, überkomplexen Ding in der Hand, dessen voller Funktionsumfang dem Nutzer in der Regel ein (uninteressantes) Geheimnis bleibt. Das kommende Gerät von Apple wird keine Fernbedienung mehr haben. Es gibt eine Reihe von alternativen Bedienkonzepten, die für eine Steuerung von Fernsehen in Frage kommen. Apples TV-Set wird verschiedene haben, die man alternativ nutzen kann. In Frage kommen die Stuerung per Touchpad (iPhone, iPod, iPad), Webcam und Gestenstuerung (wie bei Microsofts Kinect), Sprachsteerung (Siri) oder auch die direkte Steuerung per Touchscreen. Der Effekt dieser direkten Bedienkonzepte ist enorm und nicht zu unterschätzen: Man kommt dem Medium einen physisch und seelisch einen großen Schritt näher, man kann es anfassen und mit ihm verschmilzen. Die Anziehungskraft von Smartphones und Tabletts liegt ganz wesentlich auch in dieser Unmittelbarkeit begründet. Wer schon einmal gedankenversonnen und vergebens zum Scrollen mit der Hand auf den Bildschrim seines Desktoprechners gefasst hat, weiß, wovon ich rede. Ich weiß noch ganz genau den Zeitpunkt, ab dem ich ein iPhone haben wollte — ab dem Moment, wo ich zum ersten Mal den Touchscreen mit dem Schieberegler bewegt habe.

Mit einem solchen unmittelbaren Bedienkonzept und einem modifiziertem iOS ist Apples TV-Set viel mehr als nur Fernsehen. So wie Telefonieren nur eine von vielen Funktionen des iPhone ist, so, wie der Browser nur eine der Funktionen des iPad ist, so wird das TV-Set von Apple viel mehr können als nur Fernsehen und etwas ganz neues sein. Eine interaktive Projektionsfläche, auf die man alle digitalen Angebote für den räumlichen Kontext des Gerätes zaubern kann. Es führt ein logischer Weg vom kleinen Screen des iPhone über den größeren Screen des iPad hin zum großen Screen des TV. Das iPhone ist die digitale Projektionsfläche für mobile Situationen, das iPad nutzt man, wenn man in der Wohnung unterwegs ist und das TV-Set ist die zentrale große Projektionsfläche im Haushalt. Die kann dann endlich und vor allem echtes Internet. Mit auf das Bedienkonzept abgestimmtem schlichtem Browser und eingepassten Apps (samt Appstore) und einer Steuerung via Touchpad sollte sich das Web schmoove auf die Wohnzimmerwand tapezieren lassen, mit allen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben können: YouTube-Videos in Vollbild gucken, Face-Time-Telefonie, Computerspiele mit Gestensteuerung und Netzwerkspiele und vor allem all das, was dann erst erfunden werden wird. Fernsehen ist dabei ein natürlicher Bestandteil dieser Umgebung und wird in Apps organisiert. Jeder Fernsehsender kann seinen Kanal als App gestalten, und mit neuen interaktiven Möglichkeiten dieser Infrastruktur experimentieren.

Die Apps erscheinen dann als Fernbedienung hübsch sortiert auf dem iPad oder iPhone. Ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist dieser Second Screen. Ich stelle mir einen gleitenden Übergang von Inhalten auf dem großen TV-Bildschirm und dem Touchscreen in der Hand vor. So wird man ein Foto aus dem iPhone mit einer einfachen Geste auf den TY-Bildschirm werfen können oder das Fernsehprogramm im Vorbeigehen auf das iPad ziehen und durch die Wohnung tragen können. Über drahtlose Synchronisation, AirPort und Cloud liegen alle Inhalte in der Luft, sie sind überall und nirgends und können nach Bedarf auf den unterschiedlichen Geräte sichtbar gemacht werden. Die Geräte interagieren dabei, man wird beispielsweise in Apps programmieren können, was auf dem Handbildschirm und was auf dem Wandbildschirm dargestellt werden soll. Aus den Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man einen Webdienst gleichzeitig auf zwei Screens darstellen kann, sollte man in Zukunft noch viel mehr machen können als paralleles Twittern zum TV.

Für all das gibt es mit Apple ID, iCloud, iTunes-Accounts, AirPort, iPod, iPhone und iPad ein etabliertes, nutzerstarkes und gut vorbereitetes Framework, von dem als nächster großer Schritt der ganz große Schirm des Fernsehens — das elektronische Lagerfeuer der Moderne — assimiliert werden wird. Er wird danach nicht mehr derselbe sein.

Mit diesem Wurf wird Apple dann endgültig alles Geld der Welt verdienen. Und dann bauen sie etwas ganz neues: ein Auto. Falls Google da nicht schneller ist. Aber vielleicht brauchen die ja auch noch einen Tweaker, der damit den Markt aufrollt.

Das Artefakt

Karneval 2011, Weinhaus Vogel am Eigelstein. Nach ein paar Stangen Kölsch fällt Karl Lagerfeld (mir) ein Bierdeckel auf unserem Tisch auf, den offenbar die Jecken vor uns haben liegen lassen. Darauf eine Zeichnung mit zwei horizontalen Linien, einer teilenden Vertikale, drei verbindenden Halbkreisen mit drei auf dem kleinstem Kreis und der anschließenden Linie platzierten Punkten, die zu einem Schlenker führen, der in einem Kreuz endet.

Das Atrefakt

Es wirkt wie eine Schatzkarte. Angesichts der Gesamtsituation legt die Anlage der Zeichnung spontan eine Stadtkarte mit dem Rhein in der Mitte nahe, die Halbkreise könnten Ausschnitte der Ringstraßen sein und die Punkte den Weg zum Beispiel zu einer aufregenden Karnevalslokalität sein. So weit die erste Vermutung, dann aber sähe es so aus, als würde die Karte dem Unbkannten empfehlen, in Höhe der Bastei ins Wasser zu springen, um triefnass auf der Schäl Sick am Tanzbrunnen wieder aufzutauchen. Das kann man auch einfacher haben. Und was soll überhaupt die Ringstraße in Deutz sein? Und die drei Punkte, Aufmunterungen zum Wildpinklertum? Weder der mitfeiernde Mönch noch der gegenüber schunkelnde Vampir wissen Rat.

Mir ist dieses merkwürdige Artefakt nun, nach fast einem Jahr gedanklicher Inkubationszeit, wieder in die Hände gefallen. Und ich bin immer noch ratlos. Was stellt es dar? Wenn es ein Schaltkreis sein soll, dann wüsste ich gerne, welche Art von Elektronik das sein soll, vielleicht ja die Idee für einen neuen Teilchenbeschleuniger in gestufter Halbkreisform oder irgendwas mit elektrischen Kamelle? Ist es eine Unfallskizze, interessierte mich der genaue Unfallhergang, in großen Bögen drei Mal über die Straße gekreist, dann dreimal gehüpft, schnell noch mal rüber und dann da aufs Maul gelegt (Kreuz)? Vielleicht ist es ja eine experimentelle Mischung aus Zen-Buddhismus und Voodoo, die mich in den Wahnsinn treiben soll.

Ich weiß es nicht. Und je länger ich es betrachte, desto seltsamer finde ich es. So seltsam, dass ich mich leicht in die Behauptung hineinsteigern könnte, dies sei das seltsamste Etwas, das ich je in Händen gehalten habe. Da, schon passiert.

Wille und Bewusstein (2)

Auf Sebastians Anregung hin möchte ich meine Idee vom Willen als selbstreferenzielle Funktion von Aufmerksamkeit hier einmal etwas näher beschreiben.

1.

Wann immer über das Erleben und Handeln von Menschen in der systemtheoretischen Kategorien nachgedacht wird, ist die Soziologie Niklas Luhmanns nicht weit. Aus gutem Grund. Die Frage “Was ist Wille?” oder “Was ist Aufmerksamkeit?” ist wie jede Frage: eine Frage. Also: Sprache. Die Perspektive der Kybernetik 2. Ordnung legt da das Sprechen über Sprechen nahe, also ist eine gute Antwort: Aufmerksamkeit ist ein Wort. Und um die Bedeutung des Wortes herauszufinden, muss ich die mit der Verwendung einhergehenden Unterscheidungen und Formen identifizieren, die Unterschiede, die Unterschiede machen, um mit Bateson zu sprechen.

Ich beziehe mich bei meiner Idee aber auf operational geschlossene (und daher selbstreferenzielle) psychische Systeme. Diese sind unglücklicherweise der empirischen Beobachtung nicht zugänglich, außer im eigenen Denken, also mit der wissenschaftlich zweifelhaften Methode der Introspektion. Und über die Kommunikation über diese Introspektion — wobei wir es dann wieder mit einem sozialen System zu tun haben.

2.

Identität würde ich vor diesem Hintergrund eher als soziales denn als psychologisches Konstrukt verstehen. Wenn ich an eine reflexive Rekursion von Aufmerksamkeit gedacht hätte, wäre mir etwas wie Selbstbewußtsein als Form eingefallen.

Ich denke aber an Aufmerksamkeit als sehr basale psychische Funktion, im Sinne der vollständigen Erfahrungswelt, die das autopoietische psychische System in jedem Moment neu erzeugt. Das Bild, das bei der Wahrnehmung der Welt entsteht, kann sich in unterschiedlichen Qualitäten zeigen. Etwa, wenn man sich eher auf das, was man hört oder auf das, was man sieht konzentriert, oder bei einem Wort den Sinn entschlüsseln oder die Form der Buchstaben wahrnehmen kann. Eine solche, vom psychischen System selbst-organisiert erzeugte Aufmerksamkeit hat auch ein Tier, dem ich einen Willen im Sinne “alteuropäischer Semantik” absprechen möchte. Was es nicht kann ist, die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit lenken, um Folgendes zu beobachten: Was die Welt ist, die gerade entsteht, im Unterschied zur Welt, die vorher entstanden ist und Unterschiede, den dieser Unterschied macht.

Meine Idee ist nun, dass dabei eine Steuerungsfähigkeit entsteht, die man vielleicht auch Kontrolle nennen könnte, die möglicherweise aber auch ein Konzept sein könnte für Wille. Vollkommen “frei” wäre dieser Wille zwar nicht, sondern emergent entstanden aus basaleren psychischen Funktionen, aber vielleicht trotzdem oder gerade deshalb ein Konzept für eine emergente Qualität neuer Steuerungsfähigkeit des Systems, das diesen Namen verdienen könnte.

Wille und Bewusstsein

Das Schöne am Bloggen ist u.a., dass man unter einer schopenaueresk größenwahnsinnigen Überschrift auch einfach mal einen halbausgegorenen Gedanken raushauen kann. Wobei ich den folgenden Gedankengang momentan vielleicht sogar als zweidrittelausgegoren bezeichnen würde. Mit leichter Tendenz nach oben.

In der Kybernetik, oder allgemein gesprochen in der Systemtheorie, markiert die Idee der Rekursivität oder Selbstreferenzialität einen ganz wesentlichen Einschnitt, den man gerne mit dem Begriff der Operation 2. Ordnung bezeichnet. Operation 2. Ordnung bedeutet, dass man eine Operation auf sich selber anwendet. Ein Beispiel dafür ist das Denken über Denken. Das Ergebnis einer solchen Operation 2. Ordnung ist eine Rekursion, bei der in einer Endlosschleife (Iteration) etwas ganz Neues entsteht. Im Beispiel des sich dauernd wiederholenden Denkens über Denken entsteht Bewußtsein, eine Idee, die meines Wissens so zum ersten Mal von Gotthard Günther formuliert wurde.

Bewusstsein als rekursive Funktion

In der Praxis der systemischen Therapie, einer Form der Psychotherapie, die stark beeinflusst von den Konzepten der Kybernetik 2. Ordnung entwickelt wurde, spielt das Konzept der Aufmerksamkeit eine große Rolle. Eine Standardintervention bei Ratsuchenden jeder Art ist es, sie dazu zu bewegen einzuladen, auf Unterschiede in ihrem Erleben und den Bedingungen ihres Auftretens eine besondere Aufmerksamkeit zu legen. Was naheliegt ist, auch diese kognitive Operation auf ihre Effekte zweiter Ordnung zu untersuchen.

Was entsteht, wenn man Aufmerksamkeit iterativ auf Aufmerksamkeit bezieht?

Ich finde, eine naheliegende Antwort ist, dass eine neue Qualität der Steuerungsfähigkeit entsteht, die man gemeinhin Wille nennt.

Wille als rekursive Funktion

Was ich mich frage: Hat schon einmal jemand in dieser Art und Weise über Aufmerksamkeit nachgedacht? Weiß jemand aus der werten systemtheoretisch beschlagenen Leserschaft vielleicht Rat? Kennt jemand André Frank Zimpel, den ich gerade ergoogelt habe, und seine Kybernetik der Aufmerksamkeit? (In der man den Suchbegriff “Wille” nicht findet.) Oder ist das alles Quatsch und doch eher viertelausgegoren?

Zwei Anmerkungen zum bedingungslosen Grundeinkommen

Seit ich das erste Mal in einem Interview mit Götz Werner vom bedingungslosen Grundeinkommen gehört habe, bin ich begeistert von dieser Idee. Vollkommen offensichtlich erscheint mir, dass unsere Gesellschaft Güter und Dienstleistungen im Überfluss produziert und wir dabei vor allem ein Verteilungsproblem haben. (Das Einzige, wovon immer zuwenig da ist, ist die Liebe.) Ebenso klar finde ich, dass Vollbeschäftigung keine Lösung und überhaupt kein sinnvolles Ziel für eine weit entwickelte Gesellschaft sein kann. Wie die Sklaven im alten Griechenland sollen die Maschinen die notwendige Arbeit leisten, damit uns Menschen Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens bleibt! (Liebe zum Beispiel.) Vollbeschäftigung? Wir müssen es wieder schaffen, dass künftig jeder wieder regelmäßig zur Arbeit gehen muss? Und zwar nicht irgendeiner unbezahlten “Arbeit”, wie notwendigen, aber unwirtschaftlichen Tätigkeiten wie Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Auch nicht Tätigkeiten, die man gern tut, die sich aber schlecht verkaufen lassen, wie oder Musikmachen oder Filosofieren über die Verbesserung der Welt. Nein, das Idealbild der Vollbeschäftigung meint, dass jeder einzelne Bürger einer Tätigkeit nachgehen muss, die sich in Geld kapitalisieren lässt. Was soll denn das für ein gesellschaftliches Ziel sein?

Wann immer ich mit Menschen darüber rede, stoße ich auf die gleichen Gegenargumente. Nicht finanzierbar. Die Menschen brauchen Geld als Motivator. Kommunismus hat auch nicht funktioniert. Ungerecht den Arbeitenden gegenüber. Letzteres gerne und häufig mit echtem Zorn auf Menschen, die nicht arbeiten wollen.

Während ich die Frage nach der möglichen Finanzierung und die Frage nach den Auswirkungen auf die allgemeine Arbeitsmotivation für tatsächlich relevant und sehr diskussionswürdig halte, steige ich bei der Wut auf die Arbeitslosen regelmäßig aus. Ich habe diese Gedanken und diese Gefühle einfach nicht. Ehrlich nicht. Die sollen nicht von meinem sauer verdienten Geld leben? Die liegen auf der faulen Haut und kriegen Kohle und wir müssen für unser Geld hart arbeiten?

Ja, was denn sonst?

Erstens gilt das doch für jeden. Grundeinkommen bekäme doch jeder, ich, wir und die. Wer auch immer “die” sind. Bis vor Kurzem war es ja noch breiter gesellschaftlicher Konsens, ausformuliert im Grundgesetz und getragen von den obersten Gerichten, dass in unserem Land niemand zu einer Arbeit gezwungen werden darf und niemand in menschenunwürdiger Armut leben darf. Niemand. Das schließt eben auch Arbeitsunwillige ein. Das ist zwar im Prinzip auch noch heute so, wird aber durch die Harzgesetze ausgehöhlt. Plötzlich ist von “Fördern und Fordern” die Rede. Man bekommt den Eindruck, dass Menschen, die so argumentieren, hinter diesen zivilisatorischen Fortschritt zurückfallen wollen.

Meine favorisierte Erklärung ist, dass es sich um einen sozialen Abwärtsvergleich handelt: Man konstruiert eine Gruppe (die “Arbeitsfaulen”), die ganz anders ist als man selbst. Auf diese kann man dann herabblicken und sieht sich dadurch selber im Vergleich größer. Kein Sieger ohne viele Verlierer.

Das führt zweitens zu einer weiteren Täuschung, der Idee der Leistungsgesellschaft. Hier wird behauptet, es gäbe in unserer Gesellschaft einen direkten Zusammenhang zwischen Einkommen und Leistung. Wer sich nur genug anstregente, bekäme, was er verdiene. Diese Vorstellung ist schlicht Kwatsch. Geld kann man vor allem dann verdienen, wenn man ohnehin schon viel Geld hat. Da muss man persönlich gar nichts leisten, außer Risiko und Gier gegeneinander abzuwägen, ansonsten scheißt der Teufel eben immer auf den größten Haufen, auch und gerade am Finanzmarkt. Wer eine gute Idee hat, braucht trotzdem Kapital, um sie umzusetzen. Ohne Kapital geht es nicht, egal wie groß die eigene Leistung sein mag. Und ein verlässliches Maß für Leistung war das Gehalt noch nie. Wer leistet denn mehr: Fondsmanager, Krankenschwestern, Atomphysiker, Mütter, Kindergärtner, Soldaten, Zivildienstleistende, Beamte oder Grubenarbeiter? Schwer zu sagen und nicht am Gehalt zu bemessen.

Aber diese Konstruktion ist notwendig, um sich Erfolge umfänglich persönlich zuschreiben zu können. Dabei spielt diese Überzeugung vor allem denen in die Hände, die Kapital besitzen und Arbeitskräfte benötigen. Die können dann nämlich weiter damit motiviert werden, für Ihre Leistung belohnt zu werden (“Leistung soll sich wieder lohnen!”), sich aber vor allem glücklich schätzen, nicht zu denen zu gehören, die auf staatliche Almosen angewiesen sind.

Mir scheint, die gegenwärtige Ablehnung der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens liegt vor allem in dem Bedürfnis nach Selbstaufwertung durch Abwertung und der unkritischen Übernahme eines kapitalistischen Mythos begründet.

Über alles andere sollten wir ernsthaft reden.

Warum Frauen beim Rückwärtseinparken in den Einkaufstüten ihrer Männer nach Heinz von Foerster suchen sollten

Wie jeder weiß müssen Frauen ja immer mit ihren Freundinnen gemeinsam auf dem Klo darüber reden, dass sie beim Schuhe kaufen nicht rückwärts einparken können und Männer können gar nicht anders, als dauernd fremdgehen wollen zu müssen und beim Fußball den Neandertaler raushängen zu lassen, das aber nur hintereinander, weil Multitasking, das können sie ja nicht, wegen egoistischen Genen, Hormonen, Hirnforschung, rechter Hirnhälfte, linker Hirnhälfte, denn damals in der Steinzeit, Jäger und Sammler, das legt man ja nie mehr ab, trotz Atombombe und iPhone heutzutage, das ist ja millionenaltes Erbe, tja.

Allenthalben stößt man auf die Behauptung dieses oder jenes sei eben so, den Tatsachen müsse man ins Auge blicken. Gerne mit einem Verweis auf eine Autorität, die hierzulande nur noch selten die Kirche ist, sondern in aller Regel die Wissenschaft oder die eigene Lebenserfahrung und Wahrnehmungswelt. Und viel zu selten stößt man auf die Behauptung, dass es Dinge gibt, die man wissen kann und andere, die man eben nicht wissen kann.

Die Frage nach dem Einfluss des biologischen Geschlechts ist so ein Fall. Die Frage, ob jemand etwas tut, weil es genetisch vorbestimmt ist (und also nicht anders geht) oder weil er oder sie es so gelernt hat (es also auch anders ginge) ist unentscheidbar.

Unentscheidbar sind nach Heinz von Foerster Fragen, bei denen es keine eindeutige und allgemein verbindliche Regel gibt, nach der man entscheiden kann, was die richtige Antwort ist. Viele andere Fragen sind zumindest theoretisch entscheidbar (Wann war der 1.FC Köln zum letzten Mal deutscher Fußballmeister? Was ist Quadratwurzel aus 23?). Wenn man diese Fragen stellt, weiß man schon, nach welchen Regeln man feststellen kann, was die richtige Antwort ist, und alle sind sich darüber einig. Die meisten wirklich wichtigen Fragen im Leben sind aber unentscheidbar (Was ist ein gutes Leben? Wer macht die besten Bratkartoffeln? Hätte ich einen anderen Mann heiraten sollen?).

Diese Jungs-sind-eben-anders-als-Mädchen-Geschichte wird regelmäßig als entscheidbare Frage verkauft. Es sei wissenschaftlich bewiesen, dass Männer eben dieses und Frauen etwas anders könnten, machten oder wollten. Wie aber soll die Wissenschaft das angestellt haben? Was soll denn die Regel sein, nach der man verbindlich feststellen kann, dass jemand etwas macht, nur weil sie eine Frau ist oder weil er ein Mann ist und nicht aus anderen Gründen und es eigentlich auch anders ginge?

Natürlich kann man empirisch der Frage nachgehen, welchen Einfluss das biologische Geschlecht auf das Verhalten eines Menschen hat. Man kann dazu  sinnvoll forschen und zu diesem Thema auch eine Menge entscheidbarer Fragen formulieren, die dann der wissenschaftlichen Beobachtung und Hypothesentestung zugänglich sind, etwa ob bestimmte Gene üblicherweise mit bestimmten Hormonen assoziiert sind, die üblicherweise mit bestimmten Verhaltensweisen assoziiert sind oder etwas Ähnliches.

Aber wenn man das tut, weiß man anschließend eben, dass bestimmte Gene üblicherweise mit bestimmten Hormonen assoziiert sind, die üblicherweise mit bestimmten Verhaltensweisen assoziiert sind. Ob Claudia rumzickt, weil sie weibliche Gene hat und ob Thomas rumbrüllt, weil er männliche Gene hat, weiß man nicht. Es gibt keine Regel, das verbindlich zu entscheiden.

Das bedeutet, wir können uns häufig entscheiden, wie sehr wir bestimmte Verhaltensweisen als geschlechtsspezifisch biologisch determiniert ansehen. Und wir können vor allem entscheiden, welche Fragen wir stellen. Wenn wir möchten können wir ja, anstatt zu fragen, was Männer und Frauen unterscheidet und zu versuchen herauszufinden, warum das so ist, auch fragen, was man tun muss, damit bestimmte Unterschiede geringer werden.

Sonden der Unruhe

Angeregt durch Sebastians Kommentar zu meinem letzten Artikel trage ich folgenden Gedanken mit mir herum: Was ist eigentlich los mit der vielbeschworenen Transparenz und Authentizität, die für digitale Medienangebote allenthalben gefordert wird?

Gemeint ist damit, dass man heutzutage als Unternehmen nicht mehr über eine glänzende Fassade und ein zentral gesteuertes Werbebild zu einem guten Markenimage gelangt, sondern über den offenen Dialog mit den Kunden. Und Voraussetzung für das Gelingen dieses Dialogs sei eine “transparente” und “authentische” Kommunikation.

Ja, nun, “authentisch”. Was soll das heißen? Geht es darum, nicht zu lügen, sich nicht zu verbiegen, sich nicht bewußt zu inszenieren, nicht etwas darzustellen, was man nicht ist? Eigentlich bin ich ja ganz anders, ich komme bloß so selten dazu?

Und “Transparenz”? Ist nicht ein mediales Angebot, wie eigentlich alles dem wir auf dieser Welt begegnen, immer intransparent? In dem Sinne, dass man nie über annähernd genügend Informationen verfügen kann, um alle Sinnzusammenhänge eines Erkenntnisgegenstandes zu erkennen?

Und ist da nicht das schöne poetische Bild Dirk Baeckers, man müsse “Sonden der Unruhe” ermöglichen, ein passender Gedanke? Dass Unternehmen und auch alle gesellschaftlichen Institutionen es zulassen müssen, durch kommunikative Einwirkungen von außen (Nutzerkommentare, öffentliche Fragen und Diskussionen, Mashups und Remixe, Meme etc.) irritiert zu werden. Dass “Authentizität” bedeutet, dieser Art der Kommunikation nicht auszuweichen und dass “Transparenz” bedeutet, diese Kommunikation so offen zu gestalten, dass Netzwerkeffekte entstehen können, damit “Sonden der Unruhe” die Resonanzen erzeugen können, die Gestalten und Muster überhaupt erst erkennbar machen?

Die nächste Gesellschaft und ein komplexer Regalzufall

Folgt man Dirk Baecker, erleben wir derzeit durch die Erfindung von Computer und Internet einen epochalen Umbruch der Menschheitsgeschichte, wie es ihn in den letzten paartausend Jahren überhaupt erst zweimal gegeben hat, einmal durch die Einführung der Schrift und ein zweites Mal mit der Erfindung des Buchdrucks.

Ich bin sehr geneigt, dem zuzustimmen, weil: Ja, was denn sonst?! Schrift sampelt Sprache in einem Code und kann so jedes denkbare Wort über die Zeit festhalten. Buchdruck ermöglicht es, diesen Code oft und schnell zu vervielfältigen und damit gleichzeitig an viele verschiedene Orte zu übertragen. Das digitale Netz sampelt jede Art von Information und ermöglicht es in Echtzeit, alles und jeden überall und immer zu verbinden. Dass damit eine neue Qualität in die Welt gelangt, die massive Auswirkungen hat, scheint mir augenscheinlich.

Baeckers These ist, dass die durch das Internet entstandene Hyperdynamik der Gesellschaft unzählige komplexe, sich ständig wandelnde und aufeinander bezogene Kommunikationsprozesse in Gang gesetzt hat, die so schnell und so verwoben sind, dass sie für die Menschen endgültig undurchdringbar geworden sind. Teilweise haben diese Prozesse gar keine menschliche Beteiligung mehr, zum Beispiel im Finanzmarkt, wo Investitionen und Verkäufe automatisch programmiert ablaufen und so das analytisch nicht zugängliche Kalkül der Computer als kommunikativem Mitspieler in der Gesellschaft integriert wird. Die Kommunikation der Gesellschaft beruht mehr und mehr auf lichtschnellen miteinander verwobenen Prozessen, die so dynamisch sind, dass sie eine ständige Veränderung und einen dauernden Wandel begründen. Und ein System, das im Wesen darauf angelegt ist, alles Bestehende und neu Entstehende in sich aufzunehmen, aufeinander zu beziehen und so ständig weiter zu wachsen. Der Wandel, der Umbruch und die Krise wird damit zum Normalzustand der Gesellschaft.

Wie soll man damit umgehen? Die nächste Gesellschaft ist auch programmatisch gemeint. Das Charakteristische dieser Gesellschaftsform ist es, dauernd auf das Nächste, gerade Entstehende, noch Unbestimmte bezogen zu sein. Die ständige Ungewissheit erzeugt ein dauerndes Erforschen der Gegebenheiten.

Observing Networks | Dirk Baecker auf der x mess (Via Autopoiet)

In seinem Vortrag schlägt Baecker zwei Denkfiguren vor, die für dieses Erforschen der Gegebenheiten besonders geeignet seien: Die Idee der “Form” und die Figur des “Re-Entry” aus der logischen Theorie von George Spencer-Brown. (Mir fällt es reichlich schwer, zu diesem Menschen, für den der Begriff “schillernde Person” erfunden wurde, nicht mehr zu schreiben, aber ich reiße mich am Riemen. In Deutschland galt er einige Zeit als Erfindung Niklas Luhmanns. Tatsächlich hat er das Fromkalkül zusammen mit seinem Bruder erfunden, weil die britische Eisenbahn eine praktische Zählmaschine brauchte, um sicherzustellen, dass nicht einzelne Waggons im Tunnel verloren gehen. Ich würde abschweifen. Sehr weit.)

Form ist relativ schnell erklärt. Alles worüber man denken und sprechen kann basiert immer auf Unterscheidungen. Man redet über Etwas und hat damit Nicht-Etwas davon unterschieden. Ein Beobachter, der diese Unterscheidung trifft, ist in dieser Logik immer implizit enthalten. (Beobachten meint hier Unterscheiden, das kann also auch ein Computer tun.) Ohne Beobachter aber gibt es nichts (und noch nicht einmal das), weil alles erst durch die grundlegende Operation der Unterscheidung erzeugt wird. Außerdem wird in der Form nur die Innenseite der Unterscheidung bezeichnet, was das andere Nicht-Etwas ist, bleibt im Dunkeln. Unterscheidungen haben nicht automatisch ein Gegenteil. Dieses Gegenteil muss erst durch eine weitere Unterscheidung definiert werden. So entsteht durch dauernde Unterschiedsbildungen ein dynamisches Sinnsystem aufeinander bezogener Unterscheidungen, das gleichzeitig Ungewissheiten als nicht-bezeichnete Außenseite der Form mit einbezieht.

Ich verstehe es so, dass die Form hilft, zu beschreiben, wie man dynamisch Sinn erzeugt und dabei mit der Ungewissheit umgeht.

Re-Entry ist nicht schnell erklärt und wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt ein ziemlicher Hirnverdreher. (Auch die späteren Male noch, es sei denn, man ist so wahnsinnig wie Spencer-Brown.) Re-Entry ist eine rekursive, also selbstbezogene Operation. Die Unterscheidung wird auf die Unterscheidung angewendet. Auf einer der Seiten der ursprünglichen Unterscheidung wird dieselbe Unterscheidung noch einmal vollzogen.

Vielleicht kann man es im Kontext der Überlegungen zur nächsten Gesellschaft am Besten so fassen: Im Ergebnis wird In die Logik neben dem Beobachter auch die Zeit eingeführt, das heißt, dass logische Schlüsse in diesem Kalkül nicht objektiv und zeitlos, sondern subjektiv und zeitabhängig sind, abhängig davon, welche Unterscheidung vorangegangen ist und damit, wann sie getroffen wurden. Denn die Unterscheidungen eines Re-Entry bauen aufeinander auf sind abhängig von der jeweils vorher getroffenen Entscheidung.

Das hat theoretisch weitreichende Auswirkungen. Dadurch kann im Ergebnis etwas beispielsweise quasi gleichzeitig falsch und richtig sein, weil es darauf ankommt, auf welche Unterscheidung man sich gerade bezieht. Außerdem kann man diese Selbstbezüglichkeit als theoretische Beschreibung dafür sehen, wie Neues in die Welt kommt. Durch diesen Selbstbezug von Unterscheidungen kommt etwas Neues, Anderes in die Welt. Im anschaulichen Beispiel von Heinz von Foerster wird der Stromkreis einer Klingel geschlossen, wenn der Klöppel von der Glocke entfernt ist, wodurch ein Magnet eingeschaltet wird, so dass der Klöppel auf die Glocke schlägt. Wenn der Klöppel die Glocke berührt, wird der Stromkreis unterbrochen, der Magnet stellt ab, der Klöppel springt zurück, wodurch der Magnet eingeschaltet wird, der den Klöppel auf die Glocke schlägt und so weiter und so fort. So entsteht eine neue Qualität, die vorher nicht da war, ein Klingeln.

Ich verstehe es so, dass Re-Entry hilft. zu beschreiben, wie mit Widersprüchen umgegangen wird und wie Neues entsteht.

Ich würde sagen, dass eine Anwendung dieser Ideen zum Beispiel wäre, zu beschreiben, wie das Internet moderne Insitutionen in Frage stellt. Diskurse wie dieser hier können in der neu entstandenen Form des “Social Web” geführt werden und dort kann eine statische Definition von Wissenschaft als etwas, was das ist, was an Universitäten betrieben wird, durch eine neue Logik ersetzt werden, in der ständig neu verhandelt wird, was man gerade zu Wissenschaft zählen kann und was nicht, beziehungsweise die Unterscheidung Wissenschaft/Nicht-Wissenschaft durch andere Unterscheidungen ersetzen. Ich weiß nicht, ob ich Re-Entry so etwas zu folkloristisch als Selbstreferenz verstehe, aber ich würde sagen, dass man den beispielsweise den Diskurs darüber, was Wissenschaft sei, der innerhalb und außerhalb der Wissenschaft unterschiedlich geführt wird, als ein Beispiel dafür ansehen kann.

Was mir nicht klar ist, was ich darüber hinaus Konkretes von Form und Re-Entry lernen kann, wenn ich ein Phänomen betrachte. Ich finde Twitter ja immer ein gutes Beispiel für das Neue, was da gerade in die Welt kommt. Hier finde ich auch Aspekte für eine Analyse nach dem Formkalkül: Der Dienst ist schwer gegen andere Medienangebote zu unterscheiden, schwer zu sagen, was er ist und was nicht. Er wird sehr selbstreferenziell genutzt, in dem Sinne, dass Twitter immer ein großes Thema auf Twitter war und ist. Die Gestalt von Twitter verändert sich stetig, dadurch, dass neue Nutzer, neue Nutzerkreise, neue Nutzungsmöglichkieten hinzukommen, ändert sich sein Wesen.

Aber sonst? Wie hilft mir das Formkalkül sonst noch weiter bei der konkreten Betrachtung von Twitter? Kann mir da mal jemand bei helfen? Dirk Baecker vielleicht?

Eine schöne Fußnote für diesen Text ist nämlich Folgendes: Ich hatte noch nie persönlich Kontakt zu Dirk Baecker. Ich kenne ihn als Schüler Niklas Luhmanns und habe einen entsprechend großen Respekt vor ihm als wissenschaftlicher Persönlichkeit. Ich habe schon einiges von ihm und über ihn gelesen und neulich dieses Video seines Vortrag gesehen und mich gefragt, wie ich seine Aufforderung auf mein Lieblingsbeispiel Twitter anwenden kann. Und dann, während ich an diesem Artikel über Dirk Baecker und Twitter geschrieben habe, bekam ich in sonderbarer Zufälligkeit aus dem Nichts per Twitter plötzlich einen persönlich an mich gerichteten Tweet, in dem Dirk Baecker mir ein Regal empfiehlt.

Ich weiß nicht, warum.

Es macht den Eindruck, als hätte er sich gerade neu bei Twitter angemeldet und just sein dritter Tweet überhaupt ist eine Reaktion auf meine launige Bemerkung zu Steve Jobs und unserem neuen Regal.

Alles andere bleibt für mich im Dunkeln, ich vermute einen Zufall, vielleicht aber auch eine Volte des Re-Entry, wer weiß.

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