professorbunsens netzlabor

Man kann sich eigentlich nur wundern.

Monat: April, 2009

Was lernt man heute eigentlich in der Schule?

Als mir gerade meine autodidaktische irgendwie von selbst hingemurkelte Tastaturbedientechnik wieder einmal lästig wurde, kam mir die Frage: Lernen Kinder heute in der Schule eigentlich Schreibmaschine schreiben? Also moderne Schreibmschinen, Computer eben. Lernt eigentlich jedes Kind mit Selbstverständlichkeit eine Tastatur zu bedienen, um sich in der digitalen Welt flink und sicher bewegen und seine Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Dinge lenken zu können? Kann es sein, dass wir den kommenden Generationen diese grundlegende Kulturtechnik immer noch nicht beibringen?

(Und wenn man schon mal dabei ist: Bringen wir ihnen doch gleich auch noch bei, wie sowas wie Recherche geht. Statt impulsiv Fragen in die Welt zu trompeten, könnte man ja auch einfach mal googeln. Obwohl einfach mal so in die Welt trompeten heute ja auch eine Art Recherchemöglichkeit sein kann. Hach ja, die neue Weltmaschine Internet.)

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Musikzeitschriften werde ich nicht vermissen

Musikzeitschriften habe ich nie gerne gelesen. Das Konzept Pop, also der Unterschied zwischen Pop und Nicht-Pop hat für mich persönlich nie eine Rolle gespielt. War mir irgendwie immer egal, ob etwas Pop ist oder nicht. Das, was über Musik in Magazinen wie Spex oder Musikexpress geschrieben wurde, hat mich nie erreicht. Schuld war die Sprache. Mir kam das immer vor wie die schlechten Momente in einem Philosophieseminar. Eine Sprache, die Großes simuliert, Abstraktionen und Metaphern bemüht, aber bei mir nicht die Bohne anschlussfähig ist. Ich habe meist schlicht nicht verstanden, wovon da die Rede war. Dabei ging es im Wesentlichen ja um Platten, ziemlich konkret definierte Elemente der sinnlichen Wahrnehmung also. Ein Zusammenhang zwischen meiner Vorstellung über ein Album beim Lesen der Rezension und meiner Wahrnehmung beim Hören der CD war aber typischerweise reiner Zufall.

Blöderweise gab es damals, im vordigitalen Zeitalter, neben Musikzeitschriften nur sehr wenige Möglichkeiten, auf neue und unbekannte Musik zu stoßen. Wenn man nichts damit anfangen konnte, wie über Architektur getanzt über Musik geschrieben wurde, was konnte man dann tun? Das Glück haben, zufälligerweise auf dem richtigen Festival gelandet zu sein. Freunde mit gutem Musikgeschmack haben, die einem etwas vorspielen. In die benachbarte Großstadt fahren und einen Plattenladen finden, wo man in CDs reinhören konnte. Oder –absurd, aber damals total üblich — CDs einfach auf Verdacht kaufen und zu Hause zum ersten Mal hören.

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Was ich noch für Quatsch im Regal stehen habe, den ich nie gehört habe! (Aber bezahlt mit Zeit und Geld.)

Wenn nicht über, sondern durch oder mit Musik kommuniziert wurde, dann in den Massenmedien. Massenmedien aber waren Mainstream, die eine Hauptströmung eben und damit war es ein ziemlicher Glücksfall, wenn im Radio oder Musikfernsehen mal neue und unbekannte Musik aufgetaucht ist, die mich wirklich berührt hat. (Das waren dann aber wirklich rare Glücksmomente des erfolgreichen Jagens, an die ich mich teilweise sehr deutlich erinnern kann. Das erste Mal Max Goldt im Radio hören beispielsweise, wie gebannt die Sendung bis zum Ende mitverfolgen, extra bis zu den Nachrichten im Auto sitzenbleiben, um nur ja in der Abmoderation den Namen nicht zu verpassen.)

Zapp, 2009. Über Musik kommunizieren ist heute dasselbe wie mit Musik kommunizieren, kopieren dasselbe wie zeigen und ausstrahlen. Über Filesharingnetze kann man gezielt alle Musik anhören, die es gibt. Es gibt Websites, die nach bestimmten Rechenregeln Musik vorschlagen und soziale Musiknetzwerke spielen ganz automatisch unbekannte Musik, die mir gefällt, nur weil ich ihnen sage, was ich bereits kenne oder das Genre auswähle, mit dem Musik bezeichnet wird, die ich mag. Dafür brauche ich nicht mal mehr Datenträger, sondern bloß Zugang zu einem x-beliebigen Computer, der an das Netz angeschlossen ist. Meine Musik ist immer da, im Netz. Über Tags im Vorbeigehen ganz automatisch viel besser sortiert als ich das in einem Plattenregal oder in einer Playlist jemals in noch so mühsamer Arbeit je hätte tun können.

Ich weiß natürlich, dass das die idealisierte Variante dieser Geschichte ist. Natürlich gibt es noch nicht alle Musik im Netz. Natürlich gibt es noch ein Filesharing-Nutzer kriminalisierendes und die technischen Möglichkeiten blockierendes altes Copyrightsystem, das Firmen, die viel Geld unter anderem mit dem Auf-Verdacht-Kauf von Crap verdient haben, mit Zähnen und Klauen verteidigen. Natürlich gibt es Verbindungsprobleme, Datenschutzprobleme und ein asymmetrisches Machtverhältnis und undurchsichtige Filter in properietären Netzwerken. Aber trotzdem ist diese neue Musikwelt schon jetzt so toll, dass ich gleich wieder aufstehen muss, um vor Freude zu hüpfen.

Die Diskussion über das Ende des Popdiskurs bei de:bug habe ich trotz oder wegen der anfangs beschriebenen Distanz zu Musikzeitschriften mit  Interesse gelesen. René von Nerdcore sagt dort u.a., dass das Konzept Mainstream ausgedient hat und Tanith den bezeichnenden Satz:

Früher hat man sich Zeitschriften geholt, um zu sehen was passiert. Heute kaufe ich mir eine Zeitschrift um zu sehen, was dort angekommen ist.

Liebe Frau Gaschke,

auf der Titelseite der aktuellen Druckausgabe der Zeit beschreiben Sie den „Diebstahl von geistigem Eigentum“ als „Bedrohung für unsere Kultur“.

Eine Bedrohung für unsere Kultur sehe ich auch — wenn auch aus der genau gegenteiligen Richtung. Daher folgt nun eine etwas in die Länge geratene Entgegnung, die dafür aber auch frei von jeder Polemik sein wird.

Das Internet ist eine der wunderbarsten und großartigsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit. Mit ihm ist -theoretisch- jedes Buch, jedes Musikstück, jede Zeitung, jeder Film, jedes Bild für jedermann verfügbar. Immer. Überall. Und für immer. All diese kulturellen Werke kann sich jeder aneignen, darüber und damit kommunizieren, sie zitieren, verändern und weiterentwickeln. So entsteht ganz wie von selbst ein vernetztes riesiges kulturelles Ganzes, das gleichzeitig Veröffentlichung, Archiv und Diskurs ist. Für alles, was es an kulturellen Werken je gab und geben wird.

Ich glaube, das ist das genaue Gegenteil von einer kulturellen Gefahr. Es ist ein unfassbarer kultureller Reichtum: Es gibt für jeden alles, immer und überall.

Nun stellt sich in dieser wunderbaren neuen Welt die Frage, wie Kulturschaffende für ihre Werke entlohnt werden sollen.

Dafür müssen wir uns wohl die Frage stellen, wer dort noch für was entlohnt werden muss.

Ich glaube nicht, das wir Bezahlung als Motivation für Kulturschaffende benötigen. Ist denn jemals irgendein Werk von Belang ausschließlich des Geldes wegen entstanden? Wohl kaum. Ein Kulturschaffender schreibt, malt oder musiziert doch in erster Linie, weil er es will. Weil er der Welt etwas zu sagen hat, weil er sich mitteilen will. In dieser Hinsicht ist das Netz für alle Künstler und Kulturschaffenden wohl eher ein Segen, weil Urheber ohne nennenswerten Aufwand aus dem Stand ein maximal großes Publikum erreichen können: die ganze Welt! Hinzu kommt, dass die Produktions- und Distributionskosten im Netz gegen Null gehen. Wozu man früher ein professionelles Produktionsstudio, ein Presswerk oder Druckereien und eine aufwändige Vertriebslogistik benötigt hat, das kann man heute schlicht am Notebook erledigen.

Trotzdem müssen Künstler ja von etwas leben: Ein Roman schreibt sich schließlich schlecht nach Feierabend und ein guter Orchestermusiker wird man nicht nur nebenbei und übers Wochenende. Eine Kultur kann nicht ausschließlich von ambitionierten Amateuren leben.

Was kann die Lösung dafür sein? Ich glaube jedenfalls nicht, dass es sinnvoll ist, bei scharfer Strafandrohung eine hohe Zwangsabgabe für jeden einzelnen Kopiervorgang im Netz  durchzusetzen. Nichts anderes wäre die direkte  Übertragung des alten analogen Urheberrechtes auf die neue digitale Welt. Das zerstört das eigentliche Wesen des Netzes und kriminalisiert jeden Menschen, der dessen vielfältige Möglichkeiten auf natürliche Weise nutzt. (Abgesehen davon — das hat Ihr Kollege Gero von Randow gut beschrieben — ist ja auch fraglich, ob nicht eben dieses alte Urheberrecht nicht ein Instrument zur Mehrung des Reichtums und der Macht weniger auf Kosten der kulturellen Vielfalt und Qualität ist.)

Was fehlt ist also ein tragfähiges wirtschaftliches Modell für den neuen kulturellen Reichtum des Internets. Ansatzweise ist das bereits erkennbar.

Wer im Netz wahrgenommen wird erhöht beispielsweise seine Chancen, gleichzeitig mehr seiner Werke in der gegenständlichen Welt zu verkaufen, in Form von Bildern, Drucken, Eintrittskarten, Merchandising und so weiter. Und es gibt ja durchaus Künstler, deren Werke digital frei verfübar sind, die aber dennoch Bücher und CDs verkaufen.

Abgesehen davon konkurrieren in dieser Welt alle Werke um Aufmerksamkeit. Das ist die natürliche Umgebung von Werbung, die ja nichts anderes möchte als Aufmerksamkeit. Werbung, denkt man dann ganz schnell, soll das denn eine Lösung sein? Dieses lärmende Geklingel, das kreischend unsere Aufmerksamkeit erbrüllt und stört oder heimlich verführt, ohne dass wir es wirklich wollen? Andererseits wird doch auch schon heute vieles über Werbung und Sponsoren finanziert. Und optimistisch gesehen bietet das Netz sogar die Möglichkeit, dass Werbung irgendwann mal etwas anderes sein wird als heute. Denn im Netz kann Werbung gezielt dort sein, wo die Menschen sich für sie auch  interessieren. Das ist dann mehr wie in einer Fachzeitschrift, wo Werbung ja nicht selten mit dem gleichen Interesse wahrgenommen wird wie der redaktionelle Inhalt.

Eine dritte Idee ist die Einführung einer allgemeinen Kulturflatrate. Nach dem Vorbild bereits jetzt existierender Verwertungsgesellschaften (wie der GEMA oder GEZ) wird jeder Internetnutzer mit einer allgemeinen Abgabe belegt, die unter allen Kulturschaffenden anteilig aufgeteilt wird. Darin stecken natürlich eine Reihe noch ungelöster Fragen über die Verteilungsgerechtigkeit und Datenschutz, aber unmöglich erscheint mir das nicht.

Ich weiß, dass diese grob skizzierten Ideen alles andere als perfekt sind. Und natürlich wird auch das alles lange nicht jeden Künstler und Journalisten ernähren können. Aber das kann die Welt heute ja auch nicht.

Also müssen wir uns die Frage stellen, ob wir die immensen kulturellen Möglichkeiten des Netzes künstlich und bei Strafandrohung beschneiden wollen. (Was wir — auch das ist für ein Strafgesetz ja nicht ganz unwichtig, die eigene moralische Wertung hin oder her — seit der Erfindung des BitTorrent überhaupt gar nicht könnten, ohne das gesamte Internet abzuschalten.)

Oder ob wir beginnen, diese neue Welt gemeinsam zu gestalten, anstatt einen Kulturkampf der Generationen auf Kosten der Kultur auszufechten.

P.S.: Dieser Text ist im Übrigen ein kleines Beispiel für diese wunderbare neue Medienwelt. Ich schreibe ihn in meinem Blog, so dass die ganze Welt ihn für immer und überall wird lesen können. Man kann ihn verlinken, daraus kopieren, zitieren, an dieser oder anderer Stelle kopieren und wiederum verlinken. So wird kann aus einem Text ganz automatisch und gleichzeitig ein Dialog und eine ganze Diskussion werden, an der sich jeder beteiligen kann und die hinaus in die Welt getragen werden kann.

Natürlich weiß ich auch, dass Sie mein kleines Blog hier nicht zufällig lesen, deshalb habe ich Ihnen den Text auch per EMail geschickt ein allgemeines Formular auf Zeit.de ausgefüllt, das einen Link auf diesen Text hoffentlich an Sie weiterleiten wird. Wenn Sie mögen und die Zeit finden, können Sie hier darauf antworten und wir könnten hier oder anderswo gemeinsam mit anderen darüber diskutieren. Früher hätte ich Ihnen einen Leserbrief schreiben können. Heute kann gleichzeitig die ganze Welt von dieser Diskussion erfahren und an ihr teilnehmen.

Auch wenn ich weiß, dass das wohl nicht passieren wird, weil das Netz so groß ist und Sie nicht auf alles antworten können, weil schließlich überall jemand was zu sagen hat – ist es nicht großartig, dass es geht?

Der beste Grund sind die Kinder

Am Wochenende bin ich gefragt worden, warum ich immer wieder mit dem Thema Kinderpornografie anfange. In der Frage schwang auch ein wenig Zweifel und Verunsicherung mit, ein bisschen von „Ich verstehe gar nicht, warum Du Dich gerade für diese Leute so engagierst?“

Um also das Selbstverständliche voraus zu schicken: Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch gehören bestraft. Kinder genießen auch in diesem Zusammenhang einen besonderen Schutz, weil sie noch nicht eigenverantwortlich über sich selber entscheiden können. So. Und nun das weniger Selbstverständliche hinterher.

Die Bundesregierung möchte den Zugang zu ausgewählten Internetangeboten sperren. Eine Information der Öffentlichkeit, welche Seiten gesperrt werden, findet ausdrücklich nicht statt. Im Gegenteil: Das soll heimlich geschehen, auch Verweise auf die geheime Sperrliste sollen blockiert werden.

Gleichzeitig soll aufgezeichnet werden, wer versucht, gesperrte Seiten oder die Sperrliste abzurufen. Diese Information soll den Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung gestellt werden, die damit ausdrücklich in die Lage versetzt werden, ein Ermittlungsverfahren veranlassen zu können.

Die dahinterstehende Argumentation ist abenteuerlich und grotesk. Es gebe eine Industrie, die mit dem Vertrieb von Kinderpornografie Millionengewinne machen würde. Um die Nachfrage in diesem Markt zu decken, würden Kinder in großem Stil missbraucht und vergewaltigt. Darüber hinaus bestünde die Gefahr, dass Konsumenten von Kinderpornografie selber begönnen, Kinder zu missbrauchen. Dies gelte es zu verhindern.

Und obwohl diese Industrie ihr Millionengeschäft mit in fast allen Ländern der Welt verbotenen Tätigkeiten verdiene, könne man die damit verbundenen Straftaten nicht verfolgen. Über eine Blockade der Seiten könne aber man wenigstens die Nachfrage verringern.

Dabei gelte es auch zu verhindern, dass Menschen zufällig auf kinderpornografische Angebote stoßen und darüber erst auf den Geschmack geraten. Und dann entweder die Nachfrage erhöhen oder sogar selber anfangen, Kinder zu missbrauchen und vergewaltigen. Um diese Gefahr möglichst klein zu halten, muss alles heimlich geschehen. Bei einer Güterabwägung überwiege das Wohl der gefährdeten Kinder gegenüber der Freiheit der Gesellschaft nach offenem Zugang zu Informationen. Ein Tropfen auf den heißen Stein sei in diesem Fall, wo es doch um die Kinder gehe, schließlich besser als gar kein Wasser.

Himmel, was ist das denn für eine Räuberpistole? Wer um alles in der Welt soll das denn bitte alles glauben? In dieser Argumentation steckt soviel Unfug, dass man gar nicht fassen mag, dass jemand sich damit ernsthaft an die Öffentlichkeit wagt. Geschweige denn, dass es gelingen kann, unser Parlament dazu zu bewegen, ein Gesetz zu verabschieden.

Es gibt keine kommerziellen Websites, auf denen jedermann gegen Bezahlung einfach solches Material kaufen kann. Es gibt keine „Industrie“, die Millionenumsätze mit Kinderpornos macht. Man kann im Internet auch nicht einfach so zufällig auf Kinderpornografie stoßen. Wenn Kinderpornografie verteilt, getauscht, oder gehandelt wird, geschieht das in geschlossenen Nutzergruppen oder offline. Beides ist ausdrücklich nicht Gegenstand des Gesetzes. Und es gibt einen Unterschied zwischen Kinderpornografie und dem Missbrauch von Kindern. Der Missbrauch von Kindern ist fast überall verboten und kann deshalb bereits jetzt strafrechtlich verfolgt werden.

Es gibt aber Tabus in unserer Gesellschaft. Eines davon ist Sex mit Kindern. Der ist so absolut falsch, pervers und böse, dass sich jedes weitere Nachdenken und jede inhaltliche Auseinandersetzung mit diesem Thema von selbst verbietet, erst recht in der Öffentlichkeit. Das bedeutet, dass alle denkbaren Arten von erotischen und sexualisierten Darstellungen im Zusammenhang mit Minderjährigen in einen Topf zusammen mit Missbrauch und Vergewaltigung geworfen werden. Deckel drauf und nicht weiter drüber nachdenken! Stattdessen gibt es Angstphantasien und Mythen, wie beispielsweise eben jenen Mythos, dass Kinder von einer Industrie systematisch vergewaltigt würden, um Filme zu produzieren und zu verkaufen. In Zukunft wird man einfach sagen können: Selbstverständlich gibt es das alles. Der Staat hat auch Beweise. Wir dürfen es eben nur nicht sehen und überprüfen. Zu unserem Schutz. Zum Schutz der Schwächsten in unserer Gesellschaft. Zum Schutz unserer Kinder. Unserer Zukunft.

Und dieses Tabu kann man politisch ausnutzen. Einmal natürlich, um im Wahlkampf als entschlossener Bekämpfer des Bösen und Retter der Kinder dazustehen. Das ist je nach Perspektive entweder das normale politische Geschäft oder das berechnende Instrumentalisieren von Opfern durch eine dauerlächelnde Supermutti.

Viel schlimmer aber ist: Es greift die Grundfesten unseres Rechtstaates an. Wenn der Staat unüberprüft mediale Kommunikation unterbindet und die öffentliche Kontrolle darüber verhindert. Wenn der Staat sich gleichzeitig die Möglichkeit schafft, Bürger, die diese Geheimhaltung nicht akzeptieren, eines gesellschaftlich geächteten Vergehens zu beschuldigen und ihnen damit einen gesellschaftlich irreparablen Schaden zufügen kann. Wo soll das denn enden?

Wer bitte glaubt denn ernsthaft, dass ein solches System auf einen einzigen Straftatbestand beschränkt bleiben wird? Heute hat der Bundestag ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die rechtlichen und technischen Voraussetzungen für eine allgemeine Zensur schaffen soll. Und soweit ich es überblicken kann, hat sich keine der im Bundestag vertretenen Parteien dagegen gewehrt, nicht einmal die vorgeblich Liberalen. Auch der Aufschrei außerhalb der Netzwelt ob dieser ungeheueren Entscheidung hält sich in überschaubaren Grenzen — weil es ja um die gute Sache geht.

Es gibt auch gute Gründe, diese Internetseiten trotzdem zu sperren. Der beste Grund sind die Kinder.

Ekin Deligöz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Das ist der Grund, warum ich immer wieder mit diesem scheinbar eindeutigen und unappetitlichen Thema Kinderpornografie anfange, hier im Netz und draußen bei den URLs-auf-Zettel-Schreibern.

Irgendwann mal könnte schließlich vielleicht wieder jemand fragen, ob unsere Generation denn nichts gewusst hat und warum wir nichts dagegen getan haben.

Wer weiterlesen möchte, mehr zum Thema gibt es bei Heise und Netzpolitik.

2000!

Damals, im letzten Jahrtausend, war Zweitausend das Synonym für die Zukunft. Zweitausend, das waren glänzende Raumschiffe, glitzernde Uniformen, neuartige Maschinen und die Überzeugung, dass in Zukunft alles anders werden würde, unter anderem wegen der vielen Roboter, dem Essen aus Tuben und der sexy Cyberladies, die per Lautsprecher allgegenwärtige Statusmeldungen hauchen („Hyperraumtransfer in 20..15..10 Sekunden.“ o. Ä.).

Die kulturelle Vorbereitung auf Zweitausend begann schon in meiner Kindheit in den 70ern. Bis heute ist das erste, woran ich bei Zweitausend denke, eine Illustration aus „WAS ist WAS – Die Zukunft“, wo ein Auto mit Haifischflossen und Glaskuppel vollautomatisch und ohne Lenkrad über einen Highway gleitet (Abb. ähnlich).

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Zweitausend war eine allgegenwärtige radikal technisierte Utopie, in der alles anders sein würde und in der die Technik der Kultur zum endgültigen Triumph verhelfen würde. Vieles war, obwohl bereits in bunten Illustrationen aufgezeichnet, nur schemenhaft zu erkennen. Aber die Grundbotschaft war eindeutig: Alles, was uns technisch umgibt, wird sich und damit die Welt und damit uns grundlegend verändern.

Zweitausend würde ganz anders sein als die Gegenwart: neue Fortbewegungsmittel (selbstparkende Autos mit Atomantrieb, Privathelikopter), neue Kommunikationsgeräte (Bildtelefon!), neue Staatenbündnisse, Kolonien auf dem Mars, humanoide Roboter, bizarre Mode, Uniformen für alle und unerhörte Musik (hysterischer Neo Bossa Nova mit Minimoogsynthies). Zweitausend war eine Mischung aus dem Marinettischem Futurismus und den JetsonsUnd alles glänzt, so schön neu!

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Blade Runner (Abb. oben auch ähnlich, aber ein Urlaubsfoto aus dem letzten Jahr) hat Zweitausend dann eine andere, weniger naiv-optimistische Färbung verpasst: Vielleicht würde Zweitausend nicht metallisch glänzend, sondern dunkel werden. Und realistischerweise würde man auch Zweitausend noch Relikte der Vergangenheit sehen können, auch wenn das Neue das Alte überdeckt. Auch Zweitausend würde es wohl noch Werbung geben. Aber technisch und radikal anders würde es werden, soviel stand fest.

Dieser radikalen Zukunft stand die ständige Sorge entgegen, sie nie zu erleben. Der nukleare Winter nach dem globalen Nuklearkrieg war die krebskranke Schwester des metallisch-glänzend-technoiden Zweitausend. „Die letzten Kinder von Schewenborn“ wurde zu dem Horrorschocker meiner Jugend und zum Damoklesschwert über Zweitausend

In den 90ern dann wurde langsam klar, dass wir diese Zukunft tatsächlich würden erleben können. Techno als radikal technisierte und ekstatische Tanzmusik wurde genau dann zu einem Massenphänomen, als sich die Vorstellung von einem plötzlichen atomaren Weltende aus dem allgemeinen Bewusstsein verabschiedet hatte. Zweitausend sollte Wirklichkeit werden. Schwer vorstellbar, war doch allein die Vorstellung in absehbarer Zeit tatsächlich einen Brief mit Zweitausend zu datieren absurd. Zweitausend war die Chiffre der fernen Zukunft. Ein Wein mit Zweitausend auf dem Etikett? Eine Zeitreise.

Unsere Sylvesterparty haben wir mit möglichst großem Aufwand futuristisch dekoriert, die Wände gänzlich in goldener Metallfolie verhüllt, auf Monitoren Kubricks „2001“ in Endlosschleife, das Essen blau gefärbt.  

2000

Die Realität zu Neujahr war ernüchternd. Alles war wie vorher. Die Autos fuhren weiter mit Verbrennungsmotoren und in den Nachrichten war die Welt wie immer, nur ohne Sowietunion und Helmut Kohl. Zweitausend war freudig eingeladen und ließ divenhaft auf sich warten. 

Und jetzt: Schwenk auf Zweitausendundneun! 

Im mittleren Osten entstehen kilometerhohe Wolkenkratzer. Touristen fliegen in den Weltraum. Die vereinigten Staaten von Amerika sind bankrott, das internationale Bankensystem bricht zusammen, Deutschland hat eine Kanzlerin, Amerika einen schwarzen Präsidenten, der fliegende Roboter in den Krieg schickt. Auf den Straßen fahren Autos mit Navigationssystemen, die mit den Fahrern sprechen. Terroristen schicken Werbevideos über das weltweite Datennetz. Jeder Mensch kann seinen eigenen Radiosender, seine eigene TV-Station betreiben. Das Internet, die neue Weltmaschine verbindet ständig und für immer alles und jeden. Wir können allen Menschen auf der Welt per Satellit in den Vorgarten schauen. Informationen werden nicht mehr auf Papier gespeichert, Musik ist digital, braucht keinen Ort und ist immer da. Das iPhone ist eine Maschine wie frisch von der Enterprise gefallen. Hätte man mir das alles vor zehn Jahren gezeigt, ich hätte gesagt, ja, das ist die Zukunft. 

Zweitausend ist da.

Verehrte Welt, lieber Leser!

Ich schreibe hier und die ganze Welt könnte es lesen. Ich schreibe hier, obwohl es — jedenfalls zunächst einmal — niemand lesen wird. 

Ich schreibe hier, weil es möglich ist.

In so einer Art Gegenentwurf zu Moppel Markworts „Faktenfaktenfakten und immer an die Leser denken!“ geht es mir hier um „Drauflosschreiben und immer an mich selber denken!“ Abgesehen davon, dass Markworts Satz natürlich Werbequatsch eine euphemistische Verkürzung ist für: „Egal wie, immer daran denken, dass möglichst viele Leute mein Magazin lesen müssen, damit die Einnahmen stimmen“ (=Old Media), geht es mir tatsächlich zunächst und vordringlich darum, meine Gedanken und Ideen aufzuschreiben. 

Wenn man sich mit anderen Menschen über das Bloggen unterhält, halten sich ein paar Vorurteile erstaunlich hartnäckig, die sich im Wesentlichen auf folgende zwei Sätze verdichten lassen: „Blogger sind doch eitle Fatzkes, die sich selber viel zu wichtig nehmen und nabelschauend und narzisstisch ihren Quark im Netz ausbreiten. Und überhaupt: Ich wüsste gar nicht, was ich da schreiben soll.“

Mag stimmen, ignoriert aber die Magie des Internet — um die es hier vermutlich im Wesentlichen gehen wird. Oh no! Selbstreferenz. Yet another Blog about Blogs and Stuff. Yep.

Warum mache ich das also?

1. Ich habe festgestellt, dass das Internet ein wunderbares Ordnungssystem ist, seit alles über durchsuchbare Datenbanken läuft und man Tags vergeben kann. Tags! Tags sind die großartigste Erfindung seit der Entdeckung des Pflaumenkuchen mit Sahne! Das Großartige an Ihnen ist: Sie funktionieren, anders als Pflaumenkuchen mit Sahne, ganz genau wie das Gehirn, in assoziativen Verknüpfungen und im Vorbeigehen. In dem Moment, wo man etwas wahrnimmt, verknüpft man es mit Assoziationen und zack! kann man es über diese Verknüpfungen wieder aufrufen, ohne sich vorher ein Karteikartensystem anlegen zu müssen und nur genau einen Ort zu haben, wo man die Information ablegen kann. Im Internet können die Dinge an vielen Stellen gleichzeitig sein! (Wenn das der große Luhmann noch hätte erleben dürfen.) Deshalb gibt es hier neben dem Blog auch noch meine letzten Tweets und Links und Fotos und demnächst bestimmt auch Musik. Ein Ort also, an dem zusammenkommt, was ich digital festhalten kann.

2. Warum mache ich das öffentlich? Zunächst einmal, weil das Internet überall und immer zugänglich ist. Zeit und Raum, die Grundkonstatenten des Erlebens der gegenständlichen Welt, spielen im Digitalen keine Rolle. Das Netz ist also eine Riesenmaschine, die Zeit und Raum aushebelt und das ist gut, weil es mir mehr Freiheit und mehr Möglichkeiten verschafft. Was — um hier im ersten Text neben Niklas Luhmann auch noch den zweiten meiner Säulenheiligen zu erwähnen — nach Heinz von Foerster ja überhaupt die Definition von „Gutes Tun“ ist (Ethischer Imperativ: „Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten größer wird!“). Darüber hinaus ist es so, dass die Dinge erst in der Kommunikation so richtig wirklich werden. Damit meine ich gar nicht vordringlich nur die Möglichkeit, hier zu kommentieren (was angesichts der Vertrollung des Webs ja auch ein sehr zweifelhaftes Vergnügen sein kann) sondern vor allem die Möglichkeit beispielsweise über meine Tweets auf dieses Blog zu stolpern, hier Dinge, die ich anderswo gesehen habe zu verlinken und zu kommentieren oder, weil im Netz ja alles und auf ewig auffindbar bleibt, Sachen, die ich hier schreibe bei Bedarf wieder aus dem Hut zu zaubern und anderen zuzuschicken, zu verlinken und so weiter. Und wer mich kennt und mag, kann hier einfach immer mal wieder nachlesen, was bei mir grad so los ist.

3. Der letzte Grund ist einfach. Wir erleben derzeit eine Zeitenwende. Ich gehöre zu einer Generation, die in einer analogen Welt groß geworden ist und in einer digitalen Welt alt werden wird. Wenn ich nicht darüber schreibe, platze ich.

Und dann ist Essig mit dem Altwerden.