2000!

von professorbunsen

Damals, im letzten Jahrtausend, war Zweitausend das Synonym für die Zukunft. Zweitausend, das waren glänzende Raumschiffe, glitzernde Uniformen, neuartige Maschinen und die Überzeugung, dass in Zukunft alles anders werden würde, unter anderem wegen der vielen Roboter, dem Essen aus Tuben und der sexy Cyberladies, die per Lautsprecher allgegenwärtige Statusmeldungen hauchen („Hyperraumtransfer in 20..15..10 Sekunden.“ o. Ä.).

Die kulturelle Vorbereitung auf Zweitausend begann schon in meiner Kindheit in den 70ern. Bis heute ist das erste, woran ich bei Zweitausend denke, eine Illustration aus „WAS ist WAS – Die Zukunft“, wo ein Auto mit Haifischflossen und Glaskuppel vollautomatisch und ohne Lenkrad über einen Highway gleitet (Abb. ähnlich).

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Zweitausend war eine allgegenwärtige radikal technisierte Utopie, in der alles anders sein würde und in der die Technik der Kultur zum endgültigen Triumph verhelfen würde. Vieles war, obwohl bereits in bunten Illustrationen aufgezeichnet, nur schemenhaft zu erkennen. Aber die Grundbotschaft war eindeutig: Alles, was uns technisch umgibt, wird sich und damit die Welt und damit uns grundlegend verändern.

Zweitausend würde ganz anders sein als die Gegenwart: neue Fortbewegungsmittel (selbstparkende Autos mit Atomantrieb, Privathelikopter), neue Kommunikationsgeräte (Bildtelefon!), neue Staatenbündnisse, Kolonien auf dem Mars, humanoide Roboter, bizarre Mode, Uniformen für alle und unerhörte Musik (hysterischer Neo Bossa Nova mit Minimoogsynthies). Zweitausend war eine Mischung aus dem Marinettischem Futurismus und den JetsonsUnd alles glänzt, so schön neu!

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Blade Runner (Abb. oben auch ähnlich, aber ein Urlaubsfoto aus dem letzten Jahr) hat Zweitausend dann eine andere, weniger naiv-optimistische Färbung verpasst: Vielleicht würde Zweitausend nicht metallisch glänzend, sondern dunkel werden. Und realistischerweise würde man auch Zweitausend noch Relikte der Vergangenheit sehen können, auch wenn das Neue das Alte überdeckt. Auch Zweitausend würde es wohl noch Werbung geben. Aber technisch und radikal anders würde es werden, soviel stand fest.

Dieser radikalen Zukunft stand die ständige Sorge entgegen, sie nie zu erleben. Der nukleare Winter nach dem globalen Nuklearkrieg war die krebskranke Schwester des metallisch-glänzend-technoiden Zweitausend. „Die letzten Kinder von Schewenborn“ wurde zu dem Horrorschocker meiner Jugend und zum Damoklesschwert über Zweitausend

In den 90ern dann wurde langsam klar, dass wir diese Zukunft tatsächlich würden erleben können. Techno als radikal technisierte und ekstatische Tanzmusik wurde genau dann zu einem Massenphänomen, als sich die Vorstellung von einem plötzlichen atomaren Weltende aus dem allgemeinen Bewusstsein verabschiedet hatte. Zweitausend sollte Wirklichkeit werden. Schwer vorstellbar, war doch allein die Vorstellung in absehbarer Zeit tatsächlich einen Brief mit Zweitausend zu datieren absurd. Zweitausend war die Chiffre der fernen Zukunft. Ein Wein mit Zweitausend auf dem Etikett? Eine Zeitreise.

Unsere Sylvesterparty haben wir mit möglichst großem Aufwand futuristisch dekoriert, die Wände gänzlich in goldener Metallfolie verhüllt, auf Monitoren Kubricks „2001“ in Endlosschleife, das Essen blau gefärbt.  

2000

Die Realität zu Neujahr war ernüchternd. Alles war wie vorher. Die Autos fuhren weiter mit Verbrennungsmotoren und in den Nachrichten war die Welt wie immer, nur ohne Sowietunion und Helmut Kohl. Zweitausend war freudig eingeladen und ließ divenhaft auf sich warten. 

Und jetzt: Schwenk auf Zweitausendundneun! 

Im mittleren Osten entstehen kilometerhohe Wolkenkratzer. Touristen fliegen in den Weltraum. Die vereinigten Staaten von Amerika sind bankrott, das internationale Bankensystem bricht zusammen, Deutschland hat eine Kanzlerin, Amerika einen schwarzen Präsidenten, der fliegende Roboter in den Krieg schickt. Auf den Straßen fahren Autos mit Navigationssystemen, die mit den Fahrern sprechen. Terroristen schicken Werbevideos über das weltweite Datennetz. Jeder Mensch kann seinen eigenen Radiosender, seine eigene TV-Station betreiben. Das Internet, die neue Weltmaschine verbindet ständig und für immer alles und jeden. Wir können allen Menschen auf der Welt per Satellit in den Vorgarten schauen. Informationen werden nicht mehr auf Papier gespeichert, Musik ist digital, braucht keinen Ort und ist immer da. Das iPhone ist eine Maschine wie frisch von der Enterprise gefallen. Hätte man mir das alles vor zehn Jahren gezeigt, ich hätte gesagt, ja, das ist die Zukunft. 

Zweitausend ist da.

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