Musikzeitschriften werde ich nicht vermissen

von professorbunsen

Musikzeitschriften habe ich nie gerne gelesen. Das Konzept Pop, also der Unterschied zwischen Pop und Nicht-Pop hat für mich persönlich nie eine Rolle gespielt. War mir irgendwie immer egal, ob etwas Pop ist oder nicht. Das, was über Musik in Magazinen wie Spex oder Musikexpress geschrieben wurde, hat mich nie erreicht. Schuld war die Sprache. Mir kam das immer vor wie die schlechten Momente in einem Philosophieseminar. Eine Sprache, die Großes simuliert, Abstraktionen und Metaphern bemüht, aber bei mir nicht die Bohne anschlussfähig ist. Ich habe meist schlicht nicht verstanden, wovon da die Rede war. Dabei ging es im Wesentlichen ja um Platten, ziemlich konkret definierte Elemente der sinnlichen Wahrnehmung also. Ein Zusammenhang zwischen meiner Vorstellung über ein Album beim Lesen der Rezension und meiner Wahrnehmung beim Hören der CD war aber typischerweise reiner Zufall.

Blöderweise gab es damals, im vordigitalen Zeitalter, neben Musikzeitschriften nur sehr wenige Möglichkeiten, auf neue und unbekannte Musik zu stoßen. Wenn man nichts damit anfangen konnte, wie über Architektur getanzt über Musik geschrieben wurde, was konnte man dann tun? Das Glück haben, zufälligerweise auf dem richtigen Festival gelandet zu sein. Freunde mit gutem Musikgeschmack haben, die einem etwas vorspielen. In die benachbarte Großstadt fahren und einen Plattenladen finden, wo man in CDs reinhören konnte. Oder –absurd, aber damals total üblich — CDs einfach auf Verdacht kaufen und zu Hause zum ersten Mal hören.

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Was ich noch für Quatsch im Regal stehen habe, den ich nie gehört habe! (Aber bezahlt mit Zeit und Geld.)

Wenn nicht über, sondern durch oder mit Musik kommuniziert wurde, dann in den Massenmedien. Massenmedien aber waren Mainstream, die eine Hauptströmung eben und damit war es ein ziemlicher Glücksfall, wenn im Radio oder Musikfernsehen mal neue und unbekannte Musik aufgetaucht ist, die mich wirklich berührt hat. (Das waren dann aber wirklich rare Glücksmomente des erfolgreichen Jagens, an die ich mich teilweise sehr deutlich erinnern kann. Das erste Mal Max Goldt im Radio hören beispielsweise, wie gebannt die Sendung bis zum Ende mitverfolgen, extra bis zu den Nachrichten im Auto sitzenbleiben, um nur ja in der Abmoderation den Namen nicht zu verpassen.)

Zapp, 2009. Über Musik kommunizieren ist heute dasselbe wie mit Musik kommunizieren, kopieren dasselbe wie zeigen und ausstrahlen. Über Filesharingnetze kann man gezielt alle Musik anhören, die es gibt. Es gibt Websites, die nach bestimmten Rechenregeln Musik vorschlagen und soziale Musiknetzwerke spielen ganz automatisch unbekannte Musik, die mir gefällt, nur weil ich ihnen sage, was ich bereits kenne oder das Genre auswähle, mit dem Musik bezeichnet wird, die ich mag. Dafür brauche ich nicht mal mehr Datenträger, sondern bloß Zugang zu einem x-beliebigen Computer, der an das Netz angeschlossen ist. Meine Musik ist immer da, im Netz. Über Tags im Vorbeigehen ganz automatisch viel besser sortiert als ich das in einem Plattenregal oder in einer Playlist jemals in noch so mühsamer Arbeit je hätte tun können.

Ich weiß natürlich, dass das die idealisierte Variante dieser Geschichte ist. Natürlich gibt es noch nicht alle Musik im Netz. Natürlich gibt es noch ein Filesharing-Nutzer kriminalisierendes und die technischen Möglichkeiten blockierendes altes Copyrightsystem, das Firmen, die viel Geld unter anderem mit dem Auf-Verdacht-Kauf von Crap verdient haben, mit Zähnen und Klauen verteidigen. Natürlich gibt es Verbindungsprobleme, Datenschutzprobleme und ein asymmetrisches Machtverhältnis und undurchsichtige Filter in properietären Netzwerken. Aber trotzdem ist diese neue Musikwelt schon jetzt so toll, dass ich gleich wieder aufstehen muss, um vor Freude zu hüpfen.

Die Diskussion über das Ende des Popdiskurs bei de:bug habe ich trotz oder wegen der anfangs beschriebenen Distanz zu Musikzeitschriften mit  Interesse gelesen. René von Nerdcore sagt dort u.a., dass das Konzept Mainstream ausgedient hat und Tanith den bezeichnenden Satz:

Früher hat man sich Zeitschriften geholt, um zu sehen was passiert. Heute kaufe ich mir eine Zeitschrift um zu sehen, was dort angekommen ist.

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