professorbunsens netzlabor

Man kann sich eigentlich nur wundern.

Monat: November, 2011

Warum mich das iPad tief berührt

Zuweilen gerate ich, privat wie beruflich, in die Verlegenheit, die Fazination des iPad zu erklären. Mittlerweile glaube ich, das ist schnell erzählt.

(Um besser zu verstehen, was ich meine, muss man sich jetzt eine festliche Stimme vorstellen.)

Ich kann das Internet in den Händen tragen. Ich kann es anfassen. Und es berührt mich.

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Fußball und die Schönheit des Möglichen

Mich etwas zu verlustieren
ging ich spielen, um zu verlieren
umgekehrt triumphieren ging ich
ich ging spielen, um zu verlieren.

Markus Berges, „Remscheid“

Niemand kann etwas für seinen Geburtsort und seine Herkunft und selbst über den Wohnort entscheiden heutzutage gerne schicksalhafte Zufälle. Deshalb hat sogar die Hingabe zum FC Bayern ihre Berechtigung – sofern man in München lebt. Zusätzlich mag es für Auswärtige biografisch begründete originelle Spezialgründe geben, sich gerade diesem Verein zu verschreiben, die vielleicht auch irgendwie halbwegs in Ordnung gehen, einem aber in etwa so sehr zur Ehre gereichen wie, sagen wir einmal, Werbung für Atomstrom zu machen.

Denn wer sich den Fußballverein danach auszusucht, wie häufig er gewinnt, zeigt zu wenig Liebe zum Spiel selbst, schließlich geht es beim Fußballgucken eigentlich nicht um das Gewinnen, sondern um das Verlieren.

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Hier schön im Bild: Die Möglichkeit eines Fußballspiels

Das liegt zunächst einmal daran, dass bei Sportveranstaltungen egal welcher Art zwangsläufig immer alle verlieren – außer dem einen natürlich, der gewinnt und damit alle anderen zu Verlieren macht.

Außerdem besteht insbesondere ein Fußballspiel insgesamt vor allem aus Nichtgelingen. Fast nichts klappt, selbst bei Weltklassemannschaften wird beinahe jeder Spielzug von den gegnerischen Reihen abgefangen und endet im Foulspiel oder im Abseits und falls nicht, dann landen die meisten Torschüsse dennoch nicht im Tor. Dieses konzertierte Mißlingen wird dirigiert vom kollektiven Wunsch nach der unwahrscheinlichen Ausnahme, dem Tor, das zugleich der einzige objektive Maßstab für Erfolg ist.

Über allem schwebt die Schönheit des Möglichen, der Wunsch nach dem Unwahrscheinlichen, die Idee des Gelingens. Die Gesamtheit eines Fußballspiels zerbricht in viele überwiegend unfertige Einzelteile: Stücke, aus denen etwas hätte werden können, mißlungene Versuche, Geistesblitze und Enttäuschungen, das dauerhafte Aufblitzen und Verschwinden von Möglichkeiten, all das setzt sich erst durch den Blick des Zuschauers und der Vorstellung, was sein könnte, zu einer schönen Gestalt zusammen.

Selbstverständlich gibt es dabei auch viele Beispiele des Gelingens, bloß sind sie die Ausnahme von der Regel des Scheiterns und glänzen dafür umso mehr. Anders als beim öden Eiskunstlauf, wo alle von der hässlichen Ausnahme eines Patzers hypnotisiert sind, geht es beim Fußball nicht um die Angst vor dem Mißlingen, sondern um die Lust an der Katastrophe des Gelingens und dem Wunsch und der Hoffnung auf dieses rare Glück.

Und wer sich da den FC Bayern aussucht, zeigt einfach einen langweiligen Mangel an Fantasie.

Obwohl vielleicht auch dort der Zauber der bis zur letzen Minute fast gewonnenen Championsleaugue 1999 die tiefsten Spuren in den Herzen hinterlassen hat.

Obligatorischer Disclaimer: Ich bin Anhänger des 1.FC Köln. Ich weiß also, wovon ich rede.

Foto: http://www.flickr.com/photos/tigion/ (CC BY-NC-SA)

Lob des Produktes: Steve Jobs Vorhölle und Staedtlers Schreiblernstift

Ich wollte es nicht tun.

Werft ihr dem gefräßigen Leviathan ruhig immer weiter Geld in den Rachen, habe ich gedacht, huldigt diesem cholerischen Ausbeuterkapitalisten wie eurem Propheten, ich jedenfalls werde die Biographie von Steve Jobs nicht kaufen. Hatte ich gedacht.


Apple Inc. (Symbolbild)

Dann habe ich nachts in einem schwachen Moment diesen Artikel im New Yorker verschlungen und einen Klick weiter war da der iBooks-Store und tja, naja, je nun, ihrwisstschon.

Jedenfalls habe ich es nicht bereut.

Warum das Buch prima ist, könnt ihr im New Yorker nachlesen, ich möchte ergänzen, dass man nicht nur viel über Jobs und Apple, sondern auch einiges über das Silicon Valley erfährt, dieses kleine Tal, in dem sie den Heimcomputer erfunden haben und in der Folge auch so ziemlich alles andere, was uns Digitaleinwohnern von heute die Welt bedeutet.

Einer parallel zum Niederschreiben dieses Satzes in meinem Kopf durchgeführten Spontanumfrage zufolge dürfte der Hauptkaufgrund für dieses Buch das Füllhorn abstruser Anekdoten sein, die Jobs Persönlichkeit illustrieren und es nahelegen, seine Biographie nicht als Kinofilm, sondern als Sitcom zu inszenieren. Etwa die, wo er als zottelhaariger und barfüßiger Kotzbrocken, der fälschlicherweise annimmt, seine frutarische Diät, also die ganze Woche nix essen und sich dann Sonntags bei den Hare Krishnas kostenlos den Bauch mit Äpfeln vollzustopfen, würde regelmäßige Körperpflege überflüssig machen, stinkend die Firma Pantone dazu bewegen möchte, exklusiv für das Plastikgehäuse des Apple II neben den drölfhundertsechsundfünfzig auf der Welt existierenden Beigetönen ein ganz neues, vermutlich vollkommen revolutionäres Beige zu entwickeln. Oder die, wo er sich im Krankenhaus, bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, aus einer Narkose herauswindet, nur, um sich mit schwerer Zunge in verwaschener Sprache unflätig zu beschweren, die Betäubungsmaske sei unpraktsch und hässlich.

Auf die Spitze getrieben steckt darin des grundlegende Verlangen nach Dingen, die funktionieren und schön sind, das von den Unternehmen dieser Welt regelmäßig mit Füßen getreten wird. Wer ein Telefon von Siemens besitzt, weiß, was ich meine. (Und auch Apple ist alles andere als unfehlbar, es sei denn man betrachtet iTunes als practical joke und gelungene Softwareanmutung der Vorhölle.)

Eine löbliche Ausnahme in dieser Hinsicht bildet der Schreiblernbleistift von Staedtler, den ich diesem Text deshalb überschwänglich loben möchte.

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iPhone, iPad (Symbolbild, nicht im Bild: iTunes)

Er ist ein Bleistift, der bleistiftiger nicht sein könnte. Ein Bleistift, der nichts anderes ist als ein Bleistift, der ganz hervorragend ist in allen Qualitäten, die einen Bleistift ausmachen.

Es schreibt und zeichnet sich mit diesem Schreiblernstift ganz vortrefflich, zunächst natürlich, weil seine Mine mit 2B etwas weniger hart ist als das Standard gewordene ausdrucksschwache HB, so dass der Stift nicht nur sanft über das Papier gleitet, sondern bei verschieden starkem Andruck auch unterschiedlich dunkle Grautöne ermöglicht. Der das Schriftbild erzeugende Abrieb ist dabei sinnlich erfahrbar, die Berührung zwischen Stift und Papier kann man gut erfühlen, zuweilen bilden sich kleine, pulvrige Graphitspäne, ohne, dass das Schriftbild dadurch verschmieren würde.

Die Mine ist in einen soliden Holzstab hineingefräst, was dem Stift ein angenehmes Gewicht und einen vortrefflichen Klang verleiht. Wenn man ihn beherzt auf der Schreibtischplatte ablegt, gibt es ein schönes Klacken, wirft man ihn eher achtlos hin, hört man ein hübsches Klirren und wenn man ihn in der Hand hin- und herbewegt, zuweilen auch ein feines Sirren.

Und man ist versucht, ihn häufig in die Hand zu nehmen. Das liegt nicht nur am dreieckigen Querschnitt, mit dem er prima in der Hand liegt. Der Stift hat auch ein gutes Gewicht, das haarscharf über federleicht liegt, so dass die Wahrnehmung zwischen „leicht“ und „aber irgendwie auch doch schwer“ pendelt und eine sehr angenehm anzufassende rutschfeste Gummischicht, die nachgibt, aber nicht zu sehr, so dass der Eindruck zwischen „weich“ und „aber irgendwie doch auch fest“ pendelt.

Mein Wunsch an die Produktdesigner dieser Welt ist einfach: Stellt eure Arbeit nicht kurz vor Ende ein und überlasst dem Rest dem Marketing. Macht solange weiter, bis der Gegenstand am Ende so ist, wie er sein soll. Und sagt nicht vorher: „Ach, egal.“ Denn es gibt Kunden, denen ist das nicht egal.

Und die sind dann glücklich, ganz unabhängig davon, ob es ein Computer oder ein Bleistift ist.

Über Kölsch

Eines der größten Mißverständnisse Kölsch betreffend ist, die Gläser hätten diese – von Einheimischen traditionell „Stangen“, von Besuchern traditionell „Fingerhüte“ genannte – Reagenzglasform, damit das Bier nicht so schnell schal wird. Das stimmt zwar, ist aber allenfalls eine Randerscheinung der magischen sozialen Alchemie, die sich in diesem schlanken Glaszylinder materialisiert.

Kölschstangen haben dieses Format zuvorderst, um die Dinge im Fluss zu halten.

Sie sind das Agens eines sozialen Systems, das sich über die wiederkehrenden Anknüpfungspunkte des Sichzuprostens und Ach-komm-eins-nehmen-wir-nochs immer wieder neu gestaltet. Heinz von Foersters Imperativ folgend („Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“) handelt es sich um die ethischste Glasform überhaupt. Hier geht es nicht um Getränkefrische, sondern um etwas ganz anderes, nämlich darum, Menschen immer wieder neu zusammenzubringen, was Konrad Beikircher – laut Jürgen Becker ja immerhin der Erfinder des Rheinlands – zu der einsichtigen Bemerkung geführt hat, es sei wohl kaum Zufall, dass man in Köln für „Bier“ und „Sprache“ dasselbe Wort verwende.

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Im Bergischen gibt es eine Hähnchenbraterei, die so beliebt ist, dass sich regelmäßig bereits eine Stunde vor Öffnung eine Warteschlange bildet. Der Wirt, der gerade den Ofen angeschmissen hat, reicht den Wartenden Kölsch heraus, und durch diesen magischen Trick verwandelt sich die Reihe Wartender in eine Gruppe Zuprostender und miteinander Redender.

Versuchen Sie das einmal mit Maßkrügen!

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