Fußball und die Schönheit des Möglichen

von professorbunsen

Mich etwas zu verlustieren
ging ich spielen, um zu verlieren
umgekehrt triumphieren ging ich
ich ging spielen, um zu verlieren.

Markus Berges, „Remscheid“

Niemand kann etwas für seinen Geburtsort und seine Herkunft und selbst über den Wohnort entscheiden heutzutage gerne schicksalhafte Zufälle. Deshalb hat sogar die Hingabe zum FC Bayern ihre Berechtigung – sofern man in München lebt. Zusätzlich mag es für Auswärtige biografisch begründete originelle Spezialgründe geben, sich gerade diesem Verein zu verschreiben, die vielleicht auch irgendwie halbwegs in Ordnung gehen, einem aber in etwa so sehr zur Ehre gereichen wie, sagen wir einmal, Werbung für Atomstrom zu machen.

Denn wer sich den Fußballverein danach auszusucht, wie häufig er gewinnt, zeigt zu wenig Liebe zum Spiel selbst, schließlich geht es beim Fußballgucken eigentlich nicht um das Gewinnen, sondern um das Verlieren.

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Hier schön im Bild: Die Möglichkeit eines Fußballspiels

Das liegt zunächst einmal daran, dass bei Sportveranstaltungen egal welcher Art zwangsläufig immer alle verlieren – außer dem einen natürlich, der gewinnt und damit alle anderen zu Verlieren macht.

Außerdem besteht insbesondere ein Fußballspiel insgesamt vor allem aus Nichtgelingen. Fast nichts klappt, selbst bei Weltklassemannschaften wird beinahe jeder Spielzug von den gegnerischen Reihen abgefangen und endet im Foulspiel oder im Abseits und falls nicht, dann landen die meisten Torschüsse dennoch nicht im Tor. Dieses konzertierte Mißlingen wird dirigiert vom kollektiven Wunsch nach der unwahrscheinlichen Ausnahme, dem Tor, das zugleich der einzige objektive Maßstab für Erfolg ist.

Über allem schwebt die Schönheit des Möglichen, der Wunsch nach dem Unwahrscheinlichen, die Idee des Gelingens. Die Gesamtheit eines Fußballspiels zerbricht in viele überwiegend unfertige Einzelteile: Stücke, aus denen etwas hätte werden können, mißlungene Versuche, Geistesblitze und Enttäuschungen, das dauerhafte Aufblitzen und Verschwinden von Möglichkeiten, all das setzt sich erst durch den Blick des Zuschauers und der Vorstellung, was sein könnte, zu einer schönen Gestalt zusammen.

Selbstverständlich gibt es dabei auch viele Beispiele des Gelingens, bloß sind sie die Ausnahme von der Regel des Scheiterns und glänzen dafür umso mehr. Anders als beim öden Eiskunstlauf, wo alle von der hässlichen Ausnahme eines Patzers hypnotisiert sind, geht es beim Fußball nicht um die Angst vor dem Mißlingen, sondern um die Lust an der Katastrophe des Gelingens und dem Wunsch und der Hoffnung auf dieses rare Glück.

Und wer sich da den FC Bayern aussucht, zeigt einfach einen langweiligen Mangel an Fantasie.

Obwohl vielleicht auch dort der Zauber der bis zur letzen Minute fast gewonnenen Championsleaugue 1999 die tiefsten Spuren in den Herzen hinterlassen hat.

Obligatorischer Disclaimer: Ich bin Anhänger des 1.FC Köln. Ich weiß also, wovon ich rede.

Foto: http://www.flickr.com/photos/tigion/ (CC BY-NC-SA)

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