Mein zunehmendes Unbehagen den Massenmedien gegenüber

von professorbunsen

Wir werden diesen Monat die ZEIT kündigen. Das finde ich insofern bemerkenswert, als dass ich diese Zeitung seit zwanzig Jahren beziehe und sie mir lange Zeit die – ich glaube, das kann ich so sagen – wichtigste Informationsquelle über die Welt war. Was ich wiederum deshalb bemerkenswert finde, weil wir ja alles, was wir über die Welt wissen, aus den Medien wissen. Ich hätte mir bis vor kurzem daher gar nicht vorstellen können, auf ein regelmäßiges Zeitungsabonnement zu verzichten. Aber jetzt möchte ich plötzlich nicht mehr. Grundlegende Veränderungen passieren ja so, plaff, ist der Brockhaus weg, von der Wikipedia rechts überholt, wobei „plaff“ das Geräusch ist, das eine Phasentransformation macht.

Der Auslöser ist, dass ich nicht auch noch dafür bezahlen möchte, dass mir ein dicker Stapel Papier mit als Lifestyle und Schnitzeljagd verbrämter Uhrenwerbung ins Haus geschickt wird, in dem sich der Baron Guttenberg weitschweifig erklären kann. Diesen Mann muss man in der Öffentlichkeit weiträumig umschweigen.

Deshalb werde ich dazu auch nichts schreiben, sondern über etwas Grundsätzliches: Eine große Enttäuschung und grundlegende Erschütterung meiner Vorstellung, zumindest der bessere Teil der Massenmedien würde aufrichtig über die Welt Bericht erstatten wollen. Was mir mittlerweile regelrecht naiv vorkommt.

Die erste intensive Begegnug mit dieser Erschütterung hatte ich während der #zensursula-Debatte um Netzsperren. Schlimm war damals, dass die öffentliche politische Diskussion, wie sie in Zeitschrften und Fernsehen geführt wurde, vollkommen plump, falsch, unreflektiert, uninformiert und damit komplett anders verlief als die Diskussion im Netz, wo im Gegensatz dazu viel informierter, kritischer und reflektierter argumentiert wurde. Wie konnte das sein? Ganz schlimm dabei war, dass ich mir von Menschen, die sich nur über die traditionellen Massenmedien informiert hatten, haarsträubenden Quatsch in Diskussionen anhören musste. Am Schlimsten dabei aber war, dass sie dabei gar nicht gemerkt haben, wie sie von interessensgeleiteter Misinformation fehlgeleitet wurden.

Eine andere, ähnliche Erfahrung war die mediale Darstellung der Causa Finke vs. Schäfer beim 1.FC Köln. Offensichtlich war und ist beim Kölner Stadtanzeiger eine verdeckte Agenda am Werk, die meinungsstark und manipulativ eine ganz bestimmte Sichtweise der Dinge propagiert. Irrsinnig auch hier, dass Menschen, die nur den Stadtanzeiger gelesen und das ZDF-Sportstudio gesehen haben, diese schräge Sicht der Dinge übernommen haben und sich damit aber hintergründig und kritisch informiert gefühlt haben.

Und so wie mir geht es gerade sehr vielen Menschen. Deshalb bekommen die Piraten so viele Stimmen. Weil es reicht. Ganz ehrlich. Wir möchten uns nicht mehr so auf den Arm nehmen und verschaukeln lassen. Früher ging es ja nicht anderes, damals im prädigitalen Jahrtausend.

Jetzt aber gibt es das Internet, diesen wunderbaren Resonanzraum, der alles mit allem und jeden mit jedem überall und jederzeit verbinden kann! Und dank ihm und mit ihm und in ihm weiß ich diese Beispiele und kann sie hier aufschreiben und mitteilen. Und auf mein ZEIT-Abo leichthin verzichten und mich dennoch insgesamt viel besser informiert über die Welt (und diejenigen, die mich über die Welt informiert haben) fühlen.

Sonst wäre ich vielleicht noch so blöd wie früher und würde eine Buchwerbung mit einer politischen Debatte verwechseln.

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