professorbunsens netzlabor

Man kann sich eigentlich nur wundern.

Monat: Januar, 2012

Wille und Bewusstsein

Das Schöne am Bloggen ist u.a., dass man unter einer schopenaueresk größenwahnsinnigen Überschrift auch einfach mal einen halbausgegorenen Gedanken raushauen kann. Wobei ich den folgenden Gedankengang momentan vielleicht sogar als zweidrittelausgegoren bezeichnen würde. Mit leichter Tendenz nach oben.

In der Kybernetik, oder allgemein gesprochen in der Systemtheorie, markiert die Idee der Rekursivität oder Selbstreferenzialität einen ganz wesentlichen Einschnitt, den man gerne mit dem Begriff der Operation 2. Ordnung bezeichnet. Operation 2. Ordnung bedeutet, dass man eine Operation auf sich selber anwendet. Ein Beispiel dafür ist das Denken über Denken. Das Ergebnis einer solchen Operation 2. Ordnung ist eine Rekursion, bei der in einer Endlosschleife (Iteration) etwas ganz Neues entsteht. Im Beispiel des sich dauernd wiederholenden Denkens über Denken entsteht Bewußtsein, eine Idee, die meines Wissens so zum ersten Mal von Gotthard Günther formuliert wurde.

Bewusstsein als rekursive Funktion

In der Praxis der systemischen Therapie, einer Form der Psychotherapie, die stark beeinflusst von den Konzepten der Kybernetik 2. Ordnung entwickelt wurde, spielt das Konzept der Aufmerksamkeit eine große Rolle. Eine Standardintervention bei Ratsuchenden jeder Art ist es, sie dazu zu bewegen einzuladen, auf Unterschiede in ihrem Erleben und den Bedingungen ihres Auftretens eine besondere Aufmerksamkeit zu legen. Was naheliegt ist, auch diese kognitive Operation auf ihre Effekte zweiter Ordnung zu untersuchen.

Was entsteht, wenn man Aufmerksamkeit iterativ auf Aufmerksamkeit bezieht?

Ich finde, eine naheliegende Antwort ist, dass eine neue Qualität der Steuerungsfähigkeit entsteht, die man gemeinhin Wille nennt.

Wille als rekursive Funktion

Was ich mich frage: Hat schon einmal jemand in dieser Art und Weise über Aufmerksamkeit nachgedacht? Weiß jemand aus der werten systemtheoretisch beschlagenen Leserschaft vielleicht Rat? Kennt jemand André Frank Zimpel, den ich gerade ergoogelt habe, und seine Kybernetik der Aufmerksamkeit? (In der man den Suchbegriff „Wille“ nicht findet.) Oder ist das alles Quatsch und doch eher viertelausgegoren?

Zwei Anmerkungen zum bedingungslosen Grundeinkommen

Seit ich das erste Mal in einem Interview mit Götz Werner vom bedingungslosen Grundeinkommen gehört habe, bin ich begeistert von dieser Idee. Vollkommen offensichtlich erscheint mir, dass unsere Gesellschaft Güter und Dienstleistungen im Überfluss produziert und wir dabei vor allem ein Verteilungsproblem haben. (Das Einzige, wovon immer zuwenig da ist, ist die Liebe.) Ebenso klar finde ich, dass Vollbeschäftigung keine Lösung und überhaupt kein sinnvolles Ziel für eine weit entwickelte Gesellschaft sein kann. Wie die Sklaven im alten Griechenland sollen die Maschinen die notwendige Arbeit leisten, damit uns Menschen Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens bleibt! (Liebe zum Beispiel.) Vollbeschäftigung? Wir müssen es wieder schaffen, dass künftig jeder wieder regelmäßig zur Arbeit gehen muss? Und zwar nicht irgendeiner unbezahlten „Arbeit“, wie notwendigen, aber unwirtschaftlichen Tätigkeiten wie Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Auch nicht Tätigkeiten, die man gern tut, die sich aber schlecht verkaufen lassen, wie oder Musikmachen oder Filosofieren über die Verbesserung der Welt. Nein, das Idealbild der Vollbeschäftigung meint, dass jeder einzelne Bürger einer Tätigkeit nachgehen muss, die sich in Geld kapitalisieren lässt. Was soll denn das für ein gesellschaftliches Ziel sein?

Wann immer ich mit Menschen darüber rede, stoße ich auf die gleichen Gegenargumente. Nicht finanzierbar. Die Menschen brauchen Geld als Motivator. Kommunismus hat auch nicht funktioniert. Ungerecht den Arbeitenden gegenüber. Letzteres gerne und häufig mit echtem Zorn auf Menschen, die nicht arbeiten wollen.

Während ich die Frage nach der möglichen Finanzierung und die Frage nach den Auswirkungen auf die allgemeine Arbeitsmotivation für tatsächlich relevant und sehr diskussionswürdig halte, steige ich bei der Wut auf die Arbeitslosen regelmäßig aus. Ich habe diese Gedanken und diese Gefühle einfach nicht. Ehrlich nicht. Die sollen nicht von meinem sauer verdienten Geld leben? Die liegen auf der faulen Haut und kriegen Kohle und wir müssen für unser Geld hart arbeiten?

Ja, was denn sonst?

Erstens gilt das doch für jeden. Grundeinkommen bekäme doch jeder, ich, wir und die. Wer auch immer „die“ sind. Bis vor Kurzem war es ja noch breiter gesellschaftlicher Konsens, ausformuliert im Grundgesetz und getragen von den obersten Gerichten, dass in unserem Land niemand zu einer Arbeit gezwungen werden darf und niemand in menschenunwürdiger Armut leben darf. Niemand. Das schließt eben auch Arbeitsunwillige ein. Das ist zwar im Prinzip auch noch heute so, wird aber durch die Harzgesetze ausgehöhlt. Plötzlich ist von „Fördern und Fordern“ die Rede. Man bekommt den Eindruck, dass Menschen, die so argumentieren, hinter diesen zivilisatorischen Fortschritt zurückfallen wollen.

Meine favorisierte Erklärung ist, dass es sich um einen sozialen Abwärtsvergleich handelt: Man konstruiert eine Gruppe (die „Arbeitsfaulen“), die ganz anders ist als man selbst. Auf diese kann man dann herabblicken und sieht sich dadurch selber im Vergleich größer. Kein Sieger ohne viele Verlierer.

Das führt zweitens zu einer weiteren Täuschung, der Idee der Leistungsgesellschaft. Hier wird behauptet, es gäbe in unserer Gesellschaft einen direkten Zusammenhang zwischen Einkommen und Leistung. Wer sich nur genug anstregente, bekäme, was er verdiene. Diese Vorstellung ist schlicht Kwatsch. Geld kann man vor allem dann verdienen, wenn man ohnehin schon viel Geld hat. Da muss man persönlich gar nichts leisten, außer Risiko und Gier gegeneinander abzuwägen, ansonsten scheißt der Teufel eben immer auf den größten Haufen, auch und gerade am Finanzmarkt. Wer eine gute Idee hat, braucht trotzdem Kapital, um sie umzusetzen. Ohne Kapital geht es nicht, egal wie groß die eigene Leistung sein mag. Und ein verlässliches Maß für Leistung war das Gehalt noch nie. Wer leistet denn mehr: Fondsmanager, Krankenschwestern, Atomphysiker, Mütter, Kindergärtner, Soldaten, Zivildienstleistende, Beamte oder Grubenarbeiter? Schwer zu sagen und nicht am Gehalt zu bemessen.

Aber diese Konstruktion ist notwendig, um sich Erfolge umfänglich persönlich zuschreiben zu können. Dabei spielt diese Überzeugung vor allem denen in die Hände, die Kapital besitzen und Arbeitskräfte benötigen. Die können dann nämlich weiter damit motiviert werden, für Ihre Leistung belohnt zu werden („Leistung soll sich wieder lohnen!“), sich aber vor allem glücklich schätzen, nicht zu denen zu gehören, die auf staatliche Almosen angewiesen sind.

Mir scheint, die gegenwärtige Ablehnung der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens liegt vor allem in dem Bedürfnis nach Selbstaufwertung durch Abwertung und der unkritischen Übernahme eines kapitalistischen Mythos begründet.

Über alles andere sollten wir ernsthaft reden.

Warum Frauen beim Rückwärtseinparken in den Einkaufstüten ihrer Männer nach Heinz von Foerster suchen sollten

Wie jeder weiß müssen Frauen ja immer mit ihren Freundinnen gemeinsam auf dem Klo darüber reden, dass sie beim Schuhe kaufen nicht rückwärts einparken können und Männer können gar nicht anders, als dauernd fremdgehen wollen zu müssen und beim Fußball den Neandertaler raushängen zu lassen, das aber nur hintereinander, weil Multitasking, das können sie ja nicht, wegen egoistischen Genen, Hormonen, Hirnforschung, rechter Hirnhälfte, linker Hirnhälfte, denn damals in der Steinzeit, Jäger und Sammler, das legt man ja nie mehr ab, trotz Atombombe und iPhone heutzutage, das ist ja millionenaltes Erbe, tja.

Allenthalben stößt man auf die Behauptung dieses oder jenes sei eben so, den Tatsachen müsse man ins Auge blicken. Gerne mit einem Verweis auf eine Autorität, die hierzulande nur noch selten die Kirche ist, sondern in aller Regel die Wissenschaft oder die eigene Lebenserfahrung und Wahrnehmungswelt. Und viel zu selten stößt man auf die Behauptung, dass es Dinge gibt, die man wissen kann und andere, die man eben nicht wissen kann.

Die Frage nach dem Einfluss des biologischen Geschlechts ist so ein Fall. Die Frage, ob jemand etwas tut, weil es genetisch vorbestimmt ist (und also nicht anders geht) oder weil er oder sie es so gelernt hat (es also auch anders ginge) ist unentscheidbar.

Unentscheidbar sind nach Heinz von Foerster Fragen, bei denen es keine eindeutige und allgemein verbindliche Regel gibt, nach der man entscheiden kann, was die richtige Antwort ist. Viele andere Fragen sind zumindest theoretisch entscheidbar (Wann war der 1.FC Köln zum letzten Mal deutscher Fußballmeister? Was ist Quadratwurzel aus 23?). Wenn man diese Fragen stellt, weiß man schon, nach welchen Regeln man feststellen kann, was die richtige Antwort ist, und alle sind sich darüber einig. Die meisten wirklich wichtigen Fragen im Leben sind aber unentscheidbar (Was ist ein gutes Leben? Wer macht die besten Bratkartoffeln? Hätte ich einen anderen Mann heiraten sollen?).

Diese Jungs-sind-eben-anders-als-Mädchen-Geschichte wird regelmäßig als entscheidbare Frage verkauft. Es sei wissenschaftlich bewiesen, dass Männer eben dieses und Frauen etwas anders könnten, machten oder wollten. Wie aber soll die Wissenschaft das angestellt haben? Was soll denn die Regel sein, nach der man verbindlich feststellen kann, dass jemand etwas macht, nur weil sie eine Frau ist oder weil er ein Mann ist und nicht aus anderen Gründen und es eigentlich auch anders ginge?

Natürlich kann man empirisch der Frage nachgehen, welchen Einfluss das biologische Geschlecht auf das Verhalten eines Menschen hat. Man kann dazu  sinnvoll forschen und zu diesem Thema auch eine Menge entscheidbarer Fragen formulieren, die dann der wissenschaftlichen Beobachtung und Hypothesentestung zugänglich sind, etwa ob bestimmte Gene üblicherweise mit bestimmten Hormonen assoziiert sind, die üblicherweise mit bestimmten Verhaltensweisen assoziiert sind oder etwas Ähnliches.

Aber wenn man das tut, weiß man anschließend eben, dass bestimmte Gene üblicherweise mit bestimmten Hormonen assoziiert sind, die üblicherweise mit bestimmten Verhaltensweisen assoziiert sind. Ob Claudia rumzickt, weil sie weibliche Gene hat und ob Thomas rumbrüllt, weil er männliche Gene hat, weiß man nicht. Es gibt keine Regel, das verbindlich zu entscheiden.

Das bedeutet, wir können uns häufig entscheiden, wie sehr wir bestimmte Verhaltensweisen als geschlechtsspezifisch biologisch determiniert ansehen. Und wir können vor allem entscheiden, welche Fragen wir stellen. Wenn wir möchten können wir ja, anstatt zu fragen, was Männer und Frauen unterscheidet und zu versuchen herauszufinden, warum das so ist, auch fragen, was man tun muss, damit bestimmte Unterschiede geringer werden.