Wille und Bewusstsein
von professorbunsen
Das Schöne am Bloggen ist u.a., dass man unter einer schopenaueresk größenwahnsinnigen Überschrift auch einfach mal einen halbausgegorenen Gedanken raushauen kann. Wobei ich den folgenden Gedankengang momentan vielleicht sogar als zweidrittelausgegoren bezeichnen würde. Mit leichter Tendenz nach oben.
In der Kybernetik, oder allgemein gesprochen in der Systemtheorie, markiert die Idee der Rekursivität oder Selbstreferenzialität einen ganz wesentlichen Einschnitt, den man gerne mit dem Begriff der Operation 2. Ordnung bezeichnet. Operation 2. Ordnung bedeutet, dass man eine Operation auf sich selber anwendet. Ein Beispiel dafür ist das Denken über Denken. Das Ergebnis einer solchen Operation 2. Ordnung ist eine Rekursion, bei der in einer Endlosschleife (Iteration) etwas ganz Neues entsteht. Im Beispiel des sich dauernd wiederholenden Denkens über Denken entsteht Bewußtsein, eine Idee, die meines Wissens so zum ersten Mal von Gotthard Günther formuliert wurde.
Bewusstsein als rekursive Funktion
In der Praxis der systemischen Therapie, einer Form der Psychotherapie, die stark beeinflusst von den Konzepten der Kybernetik 2. Ordnung entwickelt wurde, spielt das Konzept der Aufmerksamkeit eine große Rolle. Eine Standardintervention bei Ratsuchenden jeder Art ist es, sie dazu zu bewegen einzuladen, auf Unterschiede in ihrem Erleben und den Bedingungen ihres Auftretens eine besondere Aufmerksamkeit zu legen. Was naheliegt ist, auch diese kognitive Operation auf ihre Effekte zweiter Ordnung zu untersuchen.
Was entsteht, wenn man Aufmerksamkeit iterativ auf Aufmerksamkeit bezieht?
Ich finde, eine naheliegende Antwort ist, dass eine neue Qualität der Steuerungsfähigkeit entsteht, die man gemeinhin Wille nennt.
Wille als rekursive Funktion
Was ich mich frage: Hat schon einmal jemand in dieser Art und Weise über Aufmerksamkeit nachgedacht? Weiß jemand aus der werten systemtheoretisch beschlagenen Leserschaft vielleicht Rat? Kennt jemand André Frank Zimpel, den ich gerade ergoogelt habe, und seine Kybernetik der Aufmerksamkeit? (In der man den Suchbegriff „Wille“ nicht findet.) Oder ist das alles Quatsch und doch eher viertelausgegoren?


Einige Verständnisfragen (unter Inkaufnahme eines kurzen Monologs):
Ich kenne mich bei Günther leider nicht gut aus. Intuitiv frage ich mich aber: Um welche Art von Aufmerksamkeit geht es, bzw. welche Systemreferenz kann für sie angegeben werden? Selbst- oder Fremdreferenz? Soziale oder psychische Systeme? Mit Blick auf Deinen Vorschlag (und auch die erste angeführte rekursive Funktion) nehme ich an, dass Du letztere im Sinn hattest? Systeme also, immer schon eigene Strukturen rekursiv respezifizieren? Also: Gedanken schließen sinnvoll an vorherige Gedanken an. Und zwar selbstreferentiell, immer nur an die eigenen Gedanken (was der operationalen Geschlossenheit geschuldet ist…). Das kann mehr oder weniger ambitioniert geschehen, basal oder reflexiv etwa. Luhmann z.B. führt Reflexion als eine ambitioniertere Form der Selbstreferenz an, im Zuge derer sich Systeme als Einheiten beobachten. Wenn nun Aufmerksamkeit selbstreferentiell als die eigene Aufmerksamkeit beobachtet wird – sich Aufmerksamkeit also iterativ auf Aufmerksamkeit bezieht – wird dann nicht letztlich Identität kondensiert? Reflexionen sind der Form nach Re-Entries: Das System beobachtet sich in Abgrenzung von seiner Umwelt als System; die Handhabung dieser Unterscheidung bestätigt das System als differente Einheit.
Wenn man Reflexion als Bedingung der Möglichkeit von Kontrolle denkt, sich also gewissermaßen auf „Programmebene“ bewegt, dann könnte man unter Zuhilfenahme alteuropäischer Semantik vielleicht tatsächlich vom „Willen“ sprechen – aber was oder wem wird dann Itentionalität bzw. Wille zugeschrieben? Müsste man nicht sofort eine ganze Reihe subjektivistischer Konnotationen ausstreichen, um nicht in das Beobachtungschema von Subjekt/Objekt zu fallen? Was spräche beispielsweise und alternativ gegen den Begriff der Kontrolle?
André Frank Zimpel lehrt Sonderpädagogik, hier in Hamburg. Habe ihn ein-, zweimal an der Uni getroffen. Das hier hast Du gesehen? http://bidok.uibk.ac.at/library/beh2-98-rolle.html#id3279144 (hier übrigens „Titelheld“ http://www.isct.net/zeitschrift/ausgaben/g_ausgabe14.htm).
Lieber Sebastian, vielen Dank für Deinen differenzierten Kommentar und die Hinweise und Fragen. Komme leider erst später dazu, ausführlicher zu antworten. Stay tuned!
[…] Sebastians Anregung hin möchte meine Idee vom Willen als selbstreferenzielle Funktion von Aufmerksamkeit hier […]