professorbunsens netzlabor

Man kann sich eigentlich nur wundern.

Monat: Februar, 2012

Wie Apple das Fernsehen auf links drehen wird

Nennt es Fanboytum, nennt es Marketing, nennt es Gehirnwäsche. Aber ich habe eine Vision. Gewiss eine, die die Spatzen schon lange von den Dächern twittern, aber dennoch: Apple wird dieses Jahr das Fernsehen auf links drehen. Mitte dieses Jahrzehnts wird Fernsehen dann nicht mehr das sein, was es bisher war.

Ich will einmal mittel ausschweifend beschreiben, was ich klar vor Augen, äh, fühle.

So, oder so ähnlich wird er aussehen: Der Fernseher von Apple

Die Zeit ist reif. Wenn ich das Fernsehen einschalte, habe ich zunehmend den Eindruck, durch ein Zeitloch in ein Paralleluniversum gefallen zu sein. Die Tagesschau reiht abends langatmig und oberflächlich aneinander, was ich eh‘ schon weiß. Sachen, die ich binnen Sekunden auf einer Website erfassen kann, werden in TV-Sendungen in quälenden Text-Bild-Scheren in die Länge gezogen. Und als Geeks verkleidete Investigativjournalisten berichten Fernsehmoderatoren, was die Menschen da draußen in diesem Internet so rummeinen (und meinen damit mich, der grad vorm Fernsehen sitzt und parallel bloggt).

Es ist ein typischer Apple-Moment. Es ist ja schon lange alles da für die Konvergenz von TV und digitalen Medien. Es gibt schon viele marktfähige und unterschiedlich erfolgreiche Angebote: YouTube, T-Entertain, Maxdome, Boxee, Internet-TVs mit YouTube und so weiter. Aber das alles rockt nicht. (Also, YouTube rockt schon, aber nicht auf dem Fernseher, das ist heute eher so, wie es vor dem iPhone auch schon mobiles Internet mit WAP gab.)

Was aus der Nutzersicht fehlt: Ein ikonisches Endgerät in beeindruckender Schönheit in Form und Bedienbarkeit, das finger-lickin‘-good ist. Und das – viel wichtiger als der schöne Anschein – in der Summe seiner Teile etwas ganz Neues ergibt: TV after TV. So, wie das iPhone nicht nur ein neues Telefon mit Internetfunktion war. So, wie das iPad nicht nur ein Laptop ohne Tastatur oder ein übergroßes iPhone ist. So, wie der Macintosh nicht nur ein weiterer Rechenautomat für Nerds war. Was aus der Produzentensicht fehlt: Ein tragbares Geschäftsmodell für digitale Distribution, so wie iTunes und iPod für die Musikindustrie oder der Appstore für Software und Contentanbieter.

Design ist wohl das Erste, woran man bei Apple denkt. Wenn man sich die aktuellen Prototypen des potentiellen Zulieferers LG ansieht, die riesig in der Fläche und zugleich rasiermesserflach und randlos leicht daherkommen, ahnt man, wie ein radikal schlichter Entwurf heutige Geräte schlagartig alt aussehen lassen könnte. Wenn das einer designen kann, dann Jonathan Ive.

Seit der Erfindung der Fernbedienung vor drölfhundert Jahren steuert man TV-Geräte mit einem hässlichen, überkomplexen Ding in der Hand, dessen voller Funktionsumfang dem Nutzer in der Regel ein (uninteressantes) Geheimnis bleibt. Das kommende Gerät von Apple wird keine Fernbedienung mehr haben. Es gibt eine Reihe von alternativen Bedienkonzepten, die für eine Steuerung von Fernsehen in Frage kommen. Apples TV-Set wird verschiedene haben, die man alternativ nutzen kann. In Frage kommen die Stuerung per Touchpad (iPhone, iPod, iPad), Webcam und Gestenstuerung (wie bei Microsofts Kinect), Sprachsteerung (Siri) oder auch die direkte Steuerung per Touchscreen. Der Effekt dieser direkten Bedienkonzepte ist enorm und nicht zu unterschätzen: Man kommt dem Medium einen physisch und seelisch einen großen Schritt näher, man kann es anfassen und mit ihm verschmilzen. Die Anziehungskraft von Smartphones und Tabletts liegt ganz wesentlich auch in dieser Unmittelbarkeit begründet. Wer schon einmal gedankenversonnen und vergebens zum Scrollen mit der Hand auf den Bildschrim seines Desktoprechners gefasst hat, weiß, wovon ich rede. Ich weiß noch ganz genau den Zeitpunkt, ab dem ich ein iPhone haben wollte — ab dem Moment, wo ich zum ersten Mal den Touchscreen mit dem Schieberegler bewegt habe.

Mit einem solchen unmittelbaren Bedienkonzept und einem modifiziertem iOS ist Apples TV-Set viel mehr als nur Fernsehen. So wie Telefonieren nur eine von vielen Funktionen des iPhone ist, so, wie der Browser nur eine der Funktionen des iPad ist, so wird das TV-Set von Apple viel mehr können als nur Fernsehen und etwas ganz neues sein. Eine interaktive Projektionsfläche, auf die man alle digitalen Angebote für den räumlichen Kontext des Gerätes zaubern kann. Es führt ein logischer Weg vom kleinen Screen des iPhone über den größeren Screen des iPad hin zum großen Screen des TV. Das iPhone ist die digitale Projektionsfläche für mobile Situationen, das iPad nutzt man, wenn man in der Wohnung unterwegs ist und das TV-Set ist die zentrale große Projektionsfläche im Haushalt. Die kann dann endlich und vor allem echtes Internet. Mit auf das Bedienkonzept abgestimmtem schlichtem Browser und eingepassten Apps (samt Appstore) und einer Steuerung via Touchpad sollte sich das Web schmoove auf die Wohnzimmerwand tapezieren lassen, mit allen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben können: YouTube-Videos in Vollbild gucken, Face-Time-Telefonie, Computerspiele mit Gestensteuerung und Netzwerkspiele und vor allem all das, was dann erst erfunden werden wird. Fernsehen ist dabei ein natürlicher Bestandteil dieser Umgebung und wird in Apps organisiert. Jeder Fernsehsender kann seinen Kanal als App gestalten, und mit neuen interaktiven Möglichkeiten dieser Infrastruktur experimentieren.

Die Apps erscheinen dann als Fernbedienung hübsch sortiert auf dem iPad oder iPhone. Ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist dieser Second Screen. Ich stelle mir einen gleitenden Übergang von Inhalten auf dem großen TV-Bildschirm und dem Touchscreen in der Hand vor. So wird man ein Foto aus dem iPhone mit einer einfachen Geste auf den TY-Bildschirm werfen können oder das Fernsehprogramm im Vorbeigehen auf das iPad ziehen und durch die Wohnung tragen können. Über drahtlose Synchronisation, AirPort und Cloud liegen alle Inhalte in der Luft, sie sind überall und nirgends und können nach Bedarf auf den unterschiedlichen Geräte sichtbar gemacht werden. Die Geräte interagieren dabei, man wird beispielsweise in Apps programmieren können, was auf dem Handbildschirm und was auf dem Wandbildschirm dargestellt werden soll. Aus den Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man einen Webdienst gleichzeitig auf zwei Screens darstellen kann, sollte man in Zukunft noch viel mehr machen können als paralleles Twittern zum TV.

Für all das gibt es mit Apple ID, iCloud, iTunes-Accounts, AirPort, iPod, iPhone und iPad ein etabliertes, nutzerstarkes und gut vorbereitetes Framework, von dem als nächster großer Schritt der ganz große Schirm des Fernsehens — das elektronische Lagerfeuer der Moderne — assimiliert werden wird. Er wird danach nicht mehr derselbe sein.

Mit diesem Wurf wird Apple dann endgültig alles Geld der Welt verdienen. Und dann bauen sie etwas ganz neues: ein Auto. Falls Google da nicht schneller ist. Aber vielleicht brauchen die ja auch noch einen Tweaker, der damit den Markt aufrollt.

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Das Artefakt

Karneval 2011, Weinhaus Vogel am Eigelstein. Nach ein paar Stangen Kölsch fällt Karl Lagerfeld (mir) ein Bierdeckel auf unserem Tisch auf, den offenbar die Jecken vor uns haben liegen lassen. Darauf eine Zeichnung mit zwei horizontalen Linien, einer teilenden Vertikale, drei verbindenden Halbkreisen mit drei auf dem kleinstem Kreis und der anschließenden Linie platzierten Punkten, die zu einem Schlenker führen, der in einem Kreuz endet.

Das Atrefakt

Es wirkt wie eine Schatzkarte. Angesichts der Gesamtsituation legt die Anlage der Zeichnung spontan eine Stadtkarte mit dem Rhein in der Mitte nahe, die Halbkreise könnten Ausschnitte der Ringstraßen sein und die Punkte den Weg zum Beispiel zu einer aufregenden Karnevalslokalität sein. So weit die erste Vermutung, dann aber sähe es so aus, als würde die Karte dem Unbkannten empfehlen, in Höhe der Bastei ins Wasser zu springen, um triefnass auf der Schäl Sick am Tanzbrunnen wieder aufzutauchen. Das kann man auch einfacher haben. Und was soll überhaupt die Ringstraße in Deutz sein? Und die drei Punkte, Aufmunterungen zum Wildpinklertum? Weder der mitfeiernde Mönch noch der gegenüber schunkelnde Vampir wissen Rat.

Mir ist dieses merkwürdige Artefakt nun, nach fast einem Jahr gedanklicher Inkubationszeit, wieder in die Hände gefallen. Und ich bin immer noch ratlos. Was stellt es dar? Wenn es ein Schaltkreis sein soll, dann wüsste ich gerne, welche Art von Elektronik das sein soll, vielleicht ja die Idee für einen neuen Teilchenbeschleuniger in gestufter Halbkreisform oder irgendwas mit elektrischen Kamelle? Ist es eine Unfallskizze, interessierte mich der genaue Unfallhergang, in großen Bögen drei Mal über die Straße gekreist, dann dreimal gehüpft, schnell noch mal rüber und dann da aufs Maul gelegt (Kreuz)? Vielleicht ist es ja eine experimentelle Mischung aus Zen-Buddhismus und Voodoo, die mich in den Wahnsinn treiben soll.

Ich weiß es nicht. Und je länger ich es betrachte, desto seltsamer finde ich es. So seltsam, dass ich mich leicht in die Behauptung hineinsteigern könnte, dies sei das seltsamste Etwas, das ich je in Händen gehalten habe. Da, schon passiert.

Wille und Bewusstein (2)

Auf Sebastians Anregung hin möchte ich meine Idee vom Willen als selbstreferenzielle Funktion von Aufmerksamkeit hier einmal etwas näher beschreiben.

1.

Wann immer über das Erleben und Handeln von Menschen in der systemtheoretischen Kategorien nachgedacht wird, ist die Soziologie Niklas Luhmanns nicht weit. Aus gutem Grund. Die Frage „Was ist Wille?“ oder „Was ist Aufmerksamkeit?“ ist wie jede Frage: eine Frage. Also: Sprache. Die Perspektive der Kybernetik 2. Ordnung legt da das Sprechen über Sprechen nahe, also ist eine gute Antwort: Aufmerksamkeit ist ein Wort. Und um die Bedeutung des Wortes herauszufinden, muss ich die mit der Verwendung einhergehenden Unterscheidungen und Formen identifizieren, die Unterschiede, die Unterschiede machen, um mit Bateson zu sprechen.

Ich beziehe mich bei meiner Idee aber auf operational geschlossene (und daher selbstreferenzielle) psychische Systeme. Diese sind unglücklicherweise der empirischen Beobachtung nicht zugänglich, außer im eigenen Denken, also mit der wissenschaftlich zweifelhaften Methode der Introspektion. Und über die Kommunikation über diese Introspektion — wobei wir es dann wieder mit einem sozialen System zu tun haben.

2.

Identität würde ich vor diesem Hintergrund eher als soziales denn als psychologisches Konstrukt verstehen. Wenn ich an eine reflexive Rekursion von Aufmerksamkeit gedacht hätte, wäre mir etwas wie Selbstbewußtsein als Form eingefallen.

Ich denke aber an Aufmerksamkeit als sehr basale psychische Funktion, im Sinne der vollständigen Erfahrungswelt, die das autopoietische psychische System in jedem Moment neu erzeugt. Das Bild, das bei der Wahrnehmung der Welt entsteht, kann sich in unterschiedlichen Qualitäten zeigen. Etwa, wenn man sich eher auf das, was man hört oder auf das, was man sieht konzentriert, oder bei einem Wort den Sinn entschlüsseln oder die Form der Buchstaben wahrnehmen kann. Eine solche, vom psychischen System selbst-organisiert erzeugte Aufmerksamkeit hat auch ein Tier, dem ich einen Willen im Sinne „alteuropäischer Semantik“ absprechen möchte. Was es nicht kann ist, die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit lenken, um Folgendes zu beobachten: Was die Welt ist, die gerade entsteht, im Unterschied zur Welt, die vorher entstanden ist und Unterschiede, den dieser Unterschied macht.

Meine Idee ist nun, dass dabei eine Steuerungsfähigkeit entsteht, die man vielleicht auch Kontrolle nennen könnte, die möglicherweise aber auch ein Konzept sein könnte für Wille. Vollkommen „frei“ wäre dieser Wille zwar nicht, sondern emergent entstanden aus basaleren psychischen Funktionen, aber vielleicht trotzdem oder gerade deshalb ein Konzept für eine emergente Qualität neuer Steuerungsfähigkeit des Systems, das diesen Namen verdienen könnte.