Wille und Bewusstein (2)

von professorbunsen

Auf Sebastians Anregung hin möchte ich meine Idee vom Willen als selbstreferenzielle Funktion von Aufmerksamkeit hier einmal etwas näher beschreiben.

1.

Wann immer über das Erleben und Handeln von Menschen in der systemtheoretischen Kategorien nachgedacht wird, ist die Soziologie Niklas Luhmanns nicht weit. Aus gutem Grund. Die Frage „Was ist Wille?“ oder „Was ist Aufmerksamkeit?“ ist wie jede Frage: eine Frage. Also: Sprache. Die Perspektive der Kybernetik 2. Ordnung legt da das Sprechen über Sprechen nahe, also ist eine gute Antwort: Aufmerksamkeit ist ein Wort. Und um die Bedeutung des Wortes herauszufinden, muss ich die mit der Verwendung einhergehenden Unterscheidungen und Formen identifizieren, die Unterschiede, die Unterschiede machen, um mit Bateson zu sprechen.

Ich beziehe mich bei meiner Idee aber auf operational geschlossene (und daher selbstreferenzielle) psychische Systeme. Diese sind unglücklicherweise der empirischen Beobachtung nicht zugänglich, außer im eigenen Denken, also mit der wissenschaftlich zweifelhaften Methode der Introspektion. Und über die Kommunikation über diese Introspektion — wobei wir es dann wieder mit einem sozialen System zu tun haben.

2.

Identität würde ich vor diesem Hintergrund eher als soziales denn als psychologisches Konstrukt verstehen. Wenn ich an eine reflexive Rekursion von Aufmerksamkeit gedacht hätte, wäre mir etwas wie Selbstbewußtsein als Form eingefallen.

Ich denke aber an Aufmerksamkeit als sehr basale psychische Funktion, im Sinne der vollständigen Erfahrungswelt, die das autopoietische psychische System in jedem Moment neu erzeugt. Das Bild, das bei der Wahrnehmung der Welt entsteht, kann sich in unterschiedlichen Qualitäten zeigen. Etwa, wenn man sich eher auf das, was man hört oder auf das, was man sieht konzentriert, oder bei einem Wort den Sinn entschlüsseln oder die Form der Buchstaben wahrnehmen kann. Eine solche, vom psychischen System selbst-organisiert erzeugte Aufmerksamkeit hat auch ein Tier, dem ich einen Willen im Sinne „alteuropäischer Semantik“ absprechen möchte. Was es nicht kann ist, die Aufmerksamkeit auf die Aufmerksamkeit lenken, um Folgendes zu beobachten: Was die Welt ist, die gerade entsteht, im Unterschied zur Welt, die vorher entstanden ist und Unterschiede, den dieser Unterschied macht.

Meine Idee ist nun, dass dabei eine Steuerungsfähigkeit entsteht, die man vielleicht auch Kontrolle nennen könnte, die möglicherweise aber auch ein Konzept sein könnte für Wille. Vollkommen „frei“ wäre dieser Wille zwar nicht, sondern emergent entstanden aus basaleren psychischen Funktionen, aber vielleicht trotzdem oder gerade deshalb ein Konzept für eine emergente Qualität neuer Steuerungsfähigkeit des Systems, das diesen Namen verdienen könnte.

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