Die magische soziale Alchemie meiner Timeline

von professorbunsen

Vor einiger Zeit erbroch sich samstagmorgens in unsere Küche der Wutanfall einer Radiojournalistin des WDR. Zornig zeterte sie über Wildfremde, die da einfach so ins Internet schrüben. Narzistische Vollhorste allesamt, die glaubten, die Welt interessiere sich dafür, dass man gerade Kaffee trinke oder Liebeskummer habe! Da mache sie nicht mit, ihre eigene „Gedankenkotze“ wolle sie nicht im Internet abladen. Wieso mein Radio dafür ein besserer Ort dafür sein soll, ließ sie offen.

Piraten hin, Wikipedia her, Facebook überall zum Trotz: Es gibt ihn, den digitalen Graben und vor mir tut er sich oft mariannengrabentief auf. In aller Regel fehlt den Menschen auf der anderen Seite dieses Grabens jede auch nur ungefähre Ahnung der Magie digitaler Medien. Sie wundern sich, weil sie glauben, hier würden anonyme Schablonenmenschen und zurecht vergessene Schulfreunde ihren belanglosen Alltag protokollieren. Und idiotischerweise eitel eingebildet darauf hoffen, ein anonymes Riesenpublikum begeistern zu können.

Offenbar weiß man allgemein zu wenig über die bezaubernde soziale Alchemie einer Timeline. Technisch gesprochen ist die Timeline die in Echtzeit aktualisierte Liste der Statusmeldungen aller Nutzer, denen man folgt. Sinnvoll gesprochen ist es ein rauschender und nimmer versiegender Strom aus kurzen Texten, Fotos, Videos und Links, Kommentaren, Witzen, Hinweisen, Wortspielen, Mitteilungen, Liebesschwüren, Fragen, Diskussionen, Beleidigungen, Wunderlichkeiten und einer guten Prise Unverständlichem. Mit jeder Sekunde pulsiert sie weiter, tagsüber, wenn auf der Welt etwas passiert, schneller, nachts ein wenig langsamer und versponnener. Gänzlich Unverbundenes prallt hier gleichzeitig aufeinander, vollkommen unvermittelt, zerbirst in tausend bunten Funken und im wilden Sturm der Worte, Bilder, Filme, Töne braut sich etwas neues zusammen, Strömungen entstehen, Resonanzen schwingen, wellenförmige Beben sorgen für immer neue Verwerfungen und Muster.

Meine Timeline (Symbolbild)

Dieser ungeheure Reaktor ist mein Fenster zur Welt, denn alles, was ich über die Welt weiß, weiß ich aus den Massenmedien. Und alles, was ich aus den Massenmedien weiß, weiß ich durch meine Timeline. Durch sie gucke ich hinaus in die Welt und erfahre, was los ist, durch den endlosen Strom der Kurzmitteilungen und die darüber herangespülten Links, Artikel, Filme, Bilder. Kulturpessimisten sprechen von der „Filterblase“, wenn sie bedauern, dass nicht mehr alle Bürger preußisch pünktlich gleichzeitig um acht vor der Tagesschau sitzen, ich lieber davon, dass, wie keine Schneeflocke einer zweiten gleicht, auch jede Timeline unverwechselbar ist.

Die Homies, die in meiner Timeline schreiben, habe ich überwiegend noch nie persönlich getroffen, dennoch sind sie mir keine Fremden. Wenn ich mal tatsächlich jemand treffe: Großes Hallo und großes Vertrautsein, sofort. Es sind einige Journalisten, viele Quatschköpfe, schlaue Systemtheoretiker, bekannte Fernsehsender, Politaktivisten, Programmierer, Designer, Kollegen, Politiker, Freunde, Radiosender, Fotografen, DJs, Dichter, Forscher, Zeichner, Bots mit Tourettesyndrom und Barack Obama. Ich habe mir im Laufe der Zeit jeden einzeln selber handverlesen ausgesucht: Mal gefällt mir, wie jemand erwähnt oder zitiert wird, mal spinkse ich in der Timelines der anderen, mal werde ich direkt angesprochen, mal wird wer von jemand anderem direkt beworben, mal suche ich nach einem Schlagwort und stoße dabei auf jemanden, mal suche ich gezielt, ob jemand, den ich aus der stofflichen Welt oder den Massenmedien kenne, auch auf Twitter ist.

Zuweilen entferne ich auch mal wen aus meiner Timeline, es ist wie beim Kochen oder in der Musik, ein falsches Gewürz und ein schiefer Ton können das große Ganze empfindlich stören. Meine Timeline ist alles andere als ein See aus Gedankenkotze, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass sich der eine oder andere auch mal erbricht. Aber das unterscheidet meine Timeline dann auch nicht von einer guten Party.

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