professorbunsens netzlabor

Man kann sich eigentlich nur wundern.

Kategorie: Zweitausend

Die nächste Gesellschaft und ein komplexer Regalzufall

Folgt man Dirk Baecker, erleben wir derzeit durch die Erfindung von Computer und Internet einen epochalen Umbruch der Menschheitsgeschichte, wie es ihn in den letzten paartausend Jahren überhaupt erst zweimal gegeben hat, einmal durch die Einführung der Schrift und ein zweites Mal mit der Erfindung des Buchdrucks.

Ich bin sehr geneigt, dem zuzustimmen, weil: Ja, was denn sonst?! Schrift sampelt Sprache in einem Code und kann so jedes denkbare Wort über die Zeit festhalten. Buchdruck ermöglicht es, diesen Code oft und schnell zu vervielfältigen und damit gleichzeitig an viele verschiedene Orte zu übertragen. Das digitale Netz sampelt jede Art von Information und ermöglicht es in Echtzeit, alles und jeden überall und immer zu verbinden. Dass damit eine neue Qualität in die Welt gelangt, die massive Auswirkungen hat, scheint mir augenscheinlich.

Baeckers These ist, dass die durch das Internet entstandene Hyperdynamik der Gesellschaft unzählige komplexe, sich ständig wandelnde und aufeinander bezogene Kommunikationsprozesse in Gang gesetzt hat, die so schnell und so verwoben sind, dass sie für die Menschen endgültig undurchdringbar geworden sind. Teilweise haben diese Prozesse gar keine menschliche Beteiligung mehr, zum Beispiel im Finanzmarkt, wo Investitionen und Verkäufe automatisch programmiert ablaufen und so das analytisch nicht zugängliche Kalkül der Computer als kommunikativem Mitspieler in der Gesellschaft integriert wird. Die Kommunikation der Gesellschaft beruht mehr und mehr auf lichtschnellen miteinander verwobenen Prozessen, die so dynamisch sind, dass sie eine ständige Veränderung und einen dauernden Wandel begründen. Und ein System, das im Wesen darauf angelegt ist, alles Bestehende und neu Entstehende in sich aufzunehmen, aufeinander zu beziehen und so ständig weiter zu wachsen. Der Wandel, der Umbruch und die Krise wird damit zum Normalzustand der Gesellschaft.

Wie soll man damit umgehen? Die nächste Gesellschaft ist auch programmatisch gemeint. Das Charakteristische dieser Gesellschaftsform ist es, dauernd auf das Nächste, gerade Entstehende, noch Unbestimmte bezogen zu sein. Die ständige Ungewissheit erzeugt ein dauerndes Erforschen der Gegebenheiten.

Observing Networks | Dirk Baecker auf der x mess (Via Autopoiet)

In seinem Vortrag schlägt Baecker zwei Denkfiguren vor, die für dieses Erforschen der Gegebenheiten besonders geeignet seien: Die Idee der „Form“ und die Figur des „Re-Entry“ aus der logischen Theorie von George Spencer-Brown. (Mir fällt es reichlich schwer, zu diesem Menschen, für den der Begriff „schillernde Person“ erfunden wurde, nicht mehr zu schreiben, aber ich reiße mich am Riemen. In Deutschland galt er einige Zeit als Erfindung Niklas Luhmanns. Tatsächlich hat er das Fromkalkül zusammen mit seinem Bruder erfunden, weil die britische Eisenbahn eine praktische Zählmaschine brauchte, um sicherzustellen, dass nicht einzelne Waggons im Tunnel verloren gehen. Ich würde abschweifen. Sehr weit.)

Form ist relativ schnell erklärt. Alles worüber man denken und sprechen kann basiert immer auf Unterscheidungen. Man redet über Etwas und hat damit Nicht-Etwas davon unterschieden. Ein Beobachter, der diese Unterscheidung trifft, ist in dieser Logik immer implizit enthalten. (Beobachten meint hier Unterscheiden, das kann also auch ein Computer tun.) Ohne Beobachter aber gibt es nichts (und noch nicht einmal das), weil alles erst durch die grundlegende Operation der Unterscheidung erzeugt wird. Außerdem wird in der Form nur die Innenseite der Unterscheidung bezeichnet, was das andere Nicht-Etwas ist, bleibt im Dunkeln. Unterscheidungen haben nicht automatisch ein Gegenteil. Dieses Gegenteil muss erst durch eine weitere Unterscheidung definiert werden. So entsteht durch dauernde Unterschiedsbildungen ein dynamisches Sinnsystem aufeinander bezogener Unterscheidungen, das gleichzeitig Ungewissheiten als nicht-bezeichnete Außenseite der Form mit einbezieht.

Ich verstehe es so, dass die Form hilft, zu beschreiben, wie man dynamisch Sinn erzeugt und dabei mit der Ungewissheit umgeht.

Re-Entry ist nicht schnell erklärt und wenn man zum ersten Mal darüber nachdenkt ein ziemlicher Hirnverdreher. (Auch die späteren Male noch, es sei denn, man ist so wahnsinnig wie Spencer-Brown.) Re-Entry ist eine rekursive, also selbstbezogene Operation. Die Unterscheidung wird auf die Unterscheidung angewendet. Auf einer der Seiten der ursprünglichen Unterscheidung wird dieselbe Unterscheidung noch einmal vollzogen.

Vielleicht kann man es im Kontext der Überlegungen zur nächsten Gesellschaft am Besten so fassen: Im Ergebnis wird In die Logik neben dem Beobachter auch die Zeit eingeführt, das heißt, dass logische Schlüsse in diesem Kalkül nicht objektiv und zeitlos, sondern subjektiv und zeitabhängig sind, abhängig davon, welche Unterscheidung vorangegangen ist und damit, wann sie getroffen wurden. Denn die Unterscheidungen eines Re-Entry bauen aufeinander auf sind abhängig von der jeweils vorher getroffenen Entscheidung.

Das hat theoretisch weitreichende Auswirkungen. Dadurch kann im Ergebnis etwas beispielsweise quasi gleichzeitig falsch und richtig sein, weil es darauf ankommt, auf welche Unterscheidung man sich gerade bezieht. Außerdem kann man diese Selbstbezüglichkeit als theoretische Beschreibung dafür sehen, wie Neues in die Welt kommt. Durch diesen Selbstbezug von Unterscheidungen kommt etwas Neues, Anderes in die Welt. Im anschaulichen Beispiel von Heinz von Foerster wird der Stromkreis einer Klingel geschlossen, wenn der Klöppel von der Glocke entfernt ist, wodurch ein Magnet eingeschaltet wird, so dass der Klöppel auf die Glocke schlägt. Wenn der Klöppel die Glocke berührt, wird der Stromkreis unterbrochen, der Magnet stellt ab, der Klöppel springt zurück, wodurch der Magnet eingeschaltet wird, der den Klöppel auf die Glocke schlägt und so weiter und so fort. So entsteht eine neue Qualität, die vorher nicht da war, ein Klingeln.

Ich verstehe es so, dass Re-Entry hilft. zu beschreiben, wie mit Widersprüchen umgegangen wird und wie Neues entsteht.

Ich würde sagen, dass eine Anwendung dieser Ideen zum Beispiel wäre, zu beschreiben, wie das Internet moderne Insitutionen in Frage stellt. Diskurse wie dieser hier können in der neu entstandenen Form des „Social Web“ geführt werden und dort kann eine statische Definition von Wissenschaft als etwas, was das ist, was an Universitäten betrieben wird, durch eine neue Logik ersetzt werden, in der ständig neu verhandelt wird, was man gerade zu Wissenschaft zählen kann und was nicht, beziehungsweise die Unterscheidung Wissenschaft/Nicht-Wissenschaft durch andere Unterscheidungen ersetzen. Ich weiß nicht, ob ich Re-Entry so etwas zu folkloristisch als Selbstreferenz verstehe, aber ich würde sagen, dass man den beispielsweise den Diskurs darüber, was Wissenschaft sei, der innerhalb und außerhalb der Wissenschaft unterschiedlich geführt wird, als ein Beispiel dafür ansehen kann.

Was mir nicht klar ist, was ich darüber hinaus Konkretes von Form und Re-Entry lernen kann, wenn ich ein Phänomen betrachte. Ich finde Twitter ja immer ein gutes Beispiel für das Neue, was da gerade in die Welt kommt. Hier finde ich auch Aspekte für eine Analyse nach dem Formkalkül: Der Dienst ist schwer gegen andere Medienangebote zu unterscheiden, schwer zu sagen, was er ist und was nicht. Er wird sehr selbstreferenziell genutzt, in dem Sinne, dass Twitter immer ein großes Thema auf Twitter war und ist. Die Gestalt von Twitter verändert sich stetig, dadurch, dass neue Nutzer, neue Nutzerkreise, neue Nutzungsmöglichkieten hinzukommen, ändert sich sein Wesen.

Aber sonst? Wie hilft mir das Formkalkül sonst noch weiter bei der konkreten Betrachtung von Twitter? Kann mir da mal jemand bei helfen? Dirk Baecker vielleicht?

Eine schöne Fußnote für diesen Text ist nämlich Folgendes: Ich hatte noch nie persönlich Kontakt zu Dirk Baecker. Ich kenne ihn als Schüler Niklas Luhmanns und habe einen entsprechend großen Respekt vor ihm als wissenschaftlicher Persönlichkeit. Ich habe schon einiges von ihm und über ihn gelesen und neulich dieses Video seines Vortrag gesehen und mich gefragt, wie ich seine Aufforderung auf mein Lieblingsbeispiel Twitter anwenden kann. Und dann, während ich an diesem Artikel über Dirk Baecker und Twitter geschrieben habe, bekam ich in sonderbarer Zufälligkeit aus dem Nichts per Twitter plötzlich einen persönlich an mich gerichteten Tweet, in dem Dirk Baecker mir ein Regal empfiehlt.

Ich weiß nicht, warum.

Es macht den Eindruck, als hätte er sich gerade neu bei Twitter angemeldet und just sein dritter Tweet überhaupt ist eine Reaktion auf meine launige Bemerkung zu Steve Jobs und unserem neuen Regal.

Alles andere bleibt für mich im Dunkeln, ich vermute einen Zufall, vielleicht aber auch eine Volte des Re-Entry, wer weiß.

Warum mich das iPad tief berührt

Zuweilen gerate ich, privat wie beruflich, in die Verlegenheit, die Fazination des iPad zu erklären. Mittlerweile glaube ich, das ist schnell erzählt.

(Um besser zu verstehen, was ich meine, muss man sich jetzt eine festliche Stimme vorstellen.)

Ich kann das Internet in den Händen tragen. Ich kann es anfassen. Und es berührt mich.

Musikzeitschriften werde ich nicht vermissen

Musikzeitschriften habe ich nie gerne gelesen. Das Konzept Pop, also der Unterschied zwischen Pop und Nicht-Pop hat für mich persönlich nie eine Rolle gespielt. War mir irgendwie immer egal, ob etwas Pop ist oder nicht. Das, was über Musik in Magazinen wie Spex oder Musikexpress geschrieben wurde, hat mich nie erreicht. Schuld war die Sprache. Mir kam das immer vor wie die schlechten Momente in einem Philosophieseminar. Eine Sprache, die Großes simuliert, Abstraktionen und Metaphern bemüht, aber bei mir nicht die Bohne anschlussfähig ist. Ich habe meist schlicht nicht verstanden, wovon da die Rede war. Dabei ging es im Wesentlichen ja um Platten, ziemlich konkret definierte Elemente der sinnlichen Wahrnehmung also. Ein Zusammenhang zwischen meiner Vorstellung über ein Album beim Lesen der Rezension und meiner Wahrnehmung beim Hören der CD war aber typischerweise reiner Zufall.

Blöderweise gab es damals, im vordigitalen Zeitalter, neben Musikzeitschriften nur sehr wenige Möglichkeiten, auf neue und unbekannte Musik zu stoßen. Wenn man nichts damit anfangen konnte, wie über Architektur getanzt über Musik geschrieben wurde, was konnte man dann tun? Das Glück haben, zufälligerweise auf dem richtigen Festival gelandet zu sein. Freunde mit gutem Musikgeschmack haben, die einem etwas vorspielen. In die benachbarte Großstadt fahren und einen Plattenladen finden, wo man in CDs reinhören konnte. Oder –absurd, aber damals total üblich — CDs einfach auf Verdacht kaufen und zu Hause zum ersten Mal hören.

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Was ich noch für Quatsch im Regal stehen habe, den ich nie gehört habe! (Aber bezahlt mit Zeit und Geld.)

Wenn nicht über, sondern durch oder mit Musik kommuniziert wurde, dann in den Massenmedien. Massenmedien aber waren Mainstream, die eine Hauptströmung eben und damit war es ein ziemlicher Glücksfall, wenn im Radio oder Musikfernsehen mal neue und unbekannte Musik aufgetaucht ist, die mich wirklich berührt hat. (Das waren dann aber wirklich rare Glücksmomente des erfolgreichen Jagens, an die ich mich teilweise sehr deutlich erinnern kann. Das erste Mal Max Goldt im Radio hören beispielsweise, wie gebannt die Sendung bis zum Ende mitverfolgen, extra bis zu den Nachrichten im Auto sitzenbleiben, um nur ja in der Abmoderation den Namen nicht zu verpassen.)

Zapp, 2009. Über Musik kommunizieren ist heute dasselbe wie mit Musik kommunizieren, kopieren dasselbe wie zeigen und ausstrahlen. Über Filesharingnetze kann man gezielt alle Musik anhören, die es gibt. Es gibt Websites, die nach bestimmten Rechenregeln Musik vorschlagen und soziale Musiknetzwerke spielen ganz automatisch unbekannte Musik, die mir gefällt, nur weil ich ihnen sage, was ich bereits kenne oder das Genre auswähle, mit dem Musik bezeichnet wird, die ich mag. Dafür brauche ich nicht mal mehr Datenträger, sondern bloß Zugang zu einem x-beliebigen Computer, der an das Netz angeschlossen ist. Meine Musik ist immer da, im Netz. Über Tags im Vorbeigehen ganz automatisch viel besser sortiert als ich das in einem Plattenregal oder in einer Playlist jemals in noch so mühsamer Arbeit je hätte tun können.

Ich weiß natürlich, dass das die idealisierte Variante dieser Geschichte ist. Natürlich gibt es noch nicht alle Musik im Netz. Natürlich gibt es noch ein Filesharing-Nutzer kriminalisierendes und die technischen Möglichkeiten blockierendes altes Copyrightsystem, das Firmen, die viel Geld unter anderem mit dem Auf-Verdacht-Kauf von Crap verdient haben, mit Zähnen und Klauen verteidigen. Natürlich gibt es Verbindungsprobleme, Datenschutzprobleme und ein asymmetrisches Machtverhältnis und undurchsichtige Filter in properietären Netzwerken. Aber trotzdem ist diese neue Musikwelt schon jetzt so toll, dass ich gleich wieder aufstehen muss, um vor Freude zu hüpfen.

Die Diskussion über das Ende des Popdiskurs bei de:bug habe ich trotz oder wegen der anfangs beschriebenen Distanz zu Musikzeitschriften mit  Interesse gelesen. René von Nerdcore sagt dort u.a., dass das Konzept Mainstream ausgedient hat und Tanith den bezeichnenden Satz:

Früher hat man sich Zeitschriften geholt, um zu sehen was passiert. Heute kaufe ich mir eine Zeitschrift um zu sehen, was dort angekommen ist.

2000!

Damals, im letzten Jahrtausend, war Zweitausend das Synonym für die Zukunft. Zweitausend, das waren glänzende Raumschiffe, glitzernde Uniformen, neuartige Maschinen und die Überzeugung, dass in Zukunft alles anders werden würde, unter anderem wegen der vielen Roboter, dem Essen aus Tuben und der sexy Cyberladies, die per Lautsprecher allgegenwärtige Statusmeldungen hauchen („Hyperraumtransfer in 20..15..10 Sekunden.“ o. Ä.).

Die kulturelle Vorbereitung auf Zweitausend begann schon in meiner Kindheit in den 70ern. Bis heute ist das erste, woran ich bei Zweitausend denke, eine Illustration aus „WAS ist WAS – Die Zukunft“, wo ein Auto mit Haifischflossen und Glaskuppel vollautomatisch und ohne Lenkrad über einen Highway gleitet (Abb. ähnlich).

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Zweitausend war eine allgegenwärtige radikal technisierte Utopie, in der alles anders sein würde und in der die Technik der Kultur zum endgültigen Triumph verhelfen würde. Vieles war, obwohl bereits in bunten Illustrationen aufgezeichnet, nur schemenhaft zu erkennen. Aber die Grundbotschaft war eindeutig: Alles, was uns technisch umgibt, wird sich und damit die Welt und damit uns grundlegend verändern.

Zweitausend würde ganz anders sein als die Gegenwart: neue Fortbewegungsmittel (selbstparkende Autos mit Atomantrieb, Privathelikopter), neue Kommunikationsgeräte (Bildtelefon!), neue Staatenbündnisse, Kolonien auf dem Mars, humanoide Roboter, bizarre Mode, Uniformen für alle und unerhörte Musik (hysterischer Neo Bossa Nova mit Minimoogsynthies). Zweitausend war eine Mischung aus dem Marinettischem Futurismus und den JetsonsUnd alles glänzt, so schön neu!

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Blade Runner (Abb. oben auch ähnlich, aber ein Urlaubsfoto aus dem letzten Jahr) hat Zweitausend dann eine andere, weniger naiv-optimistische Färbung verpasst: Vielleicht würde Zweitausend nicht metallisch glänzend, sondern dunkel werden. Und realistischerweise würde man auch Zweitausend noch Relikte der Vergangenheit sehen können, auch wenn das Neue das Alte überdeckt. Auch Zweitausend würde es wohl noch Werbung geben. Aber technisch und radikal anders würde es werden, soviel stand fest.

Dieser radikalen Zukunft stand die ständige Sorge entgegen, sie nie zu erleben. Der nukleare Winter nach dem globalen Nuklearkrieg war die krebskranke Schwester des metallisch-glänzend-technoiden Zweitausend. „Die letzten Kinder von Schewenborn“ wurde zu dem Horrorschocker meiner Jugend und zum Damoklesschwert über Zweitausend

In den 90ern dann wurde langsam klar, dass wir diese Zukunft tatsächlich würden erleben können. Techno als radikal technisierte und ekstatische Tanzmusik wurde genau dann zu einem Massenphänomen, als sich die Vorstellung von einem plötzlichen atomaren Weltende aus dem allgemeinen Bewusstsein verabschiedet hatte. Zweitausend sollte Wirklichkeit werden. Schwer vorstellbar, war doch allein die Vorstellung in absehbarer Zeit tatsächlich einen Brief mit Zweitausend zu datieren absurd. Zweitausend war die Chiffre der fernen Zukunft. Ein Wein mit Zweitausend auf dem Etikett? Eine Zeitreise.

Unsere Sylvesterparty haben wir mit möglichst großem Aufwand futuristisch dekoriert, die Wände gänzlich in goldener Metallfolie verhüllt, auf Monitoren Kubricks „2001“ in Endlosschleife, das Essen blau gefärbt.  

2000

Die Realität zu Neujahr war ernüchternd. Alles war wie vorher. Die Autos fuhren weiter mit Verbrennungsmotoren und in den Nachrichten war die Welt wie immer, nur ohne Sowietunion und Helmut Kohl. Zweitausend war freudig eingeladen und ließ divenhaft auf sich warten. 

Und jetzt: Schwenk auf Zweitausendundneun! 

Im mittleren Osten entstehen kilometerhohe Wolkenkratzer. Touristen fliegen in den Weltraum. Die vereinigten Staaten von Amerika sind bankrott, das internationale Bankensystem bricht zusammen, Deutschland hat eine Kanzlerin, Amerika einen schwarzen Präsidenten, der fliegende Roboter in den Krieg schickt. Auf den Straßen fahren Autos mit Navigationssystemen, die mit den Fahrern sprechen. Terroristen schicken Werbevideos über das weltweite Datennetz. Jeder Mensch kann seinen eigenen Radiosender, seine eigene TV-Station betreiben. Das Internet, die neue Weltmaschine verbindet ständig und für immer alles und jeden. Wir können allen Menschen auf der Welt per Satellit in den Vorgarten schauen. Informationen werden nicht mehr auf Papier gespeichert, Musik ist digital, braucht keinen Ort und ist immer da. Das iPhone ist eine Maschine wie frisch von der Enterprise gefallen. Hätte man mir das alles vor zehn Jahren gezeigt, ich hätte gesagt, ja, das ist die Zukunft. 

Zweitausend ist da.