Zwei Anmerkungen zum bedingungslosen Grundeinkommen

Seit ich das erste Mal in einem Interview mit Götz Werner vom bedingungslosen Grundeinkommen gehört habe, bin ich begeistert von dieser Idee. Vollkommen offensichtlich erscheint mir, dass unsere Gesellschaft Güter und Dienstleistungen im Überfluss produziert und wir dabei vor allem ein Verteilungsproblem haben. (Das Einzige, wovon immer zuwenig da ist, ist die Liebe.) Ebenso klar finde ich, dass Vollbeschäftigung keine Lösung und überhaupt kein sinnvolles Ziel für eine weit entwickelte Gesellschaft sein kann. Wie die Sklaven im alten Griechenland sollen die Maschinen die notwendige Arbeit leisten, damit uns Menschen Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens bleibt! (Liebe zum Beispiel.) Vollbeschäftigung? Wir müssen es wieder schaffen, dass künftig jeder wieder regelmäßig zur Arbeit gehen muss? Und zwar nicht irgendeiner unbezahlten „Arbeit“, wie notwendigen, aber unwirtschaftlichen Tätigkeiten wie Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Auch nicht Tätigkeiten, die man gern tut, die sich aber schlecht verkaufen lassen, wie oder Musikmachen oder Filosofieren über die Verbesserung der Welt. Nein, das Idealbild der Vollbeschäftigung meint, dass jeder einzelne Bürger einer Tätigkeit nachgehen muss, die sich in Geld kapitalisieren lässt. Was soll denn das für ein gesellschaftliches Ziel sein?

Wann immer ich mit Menschen darüber rede, stoße ich auf die gleichen Gegenargumente. Nicht finanzierbar. Die Menschen brauchen Geld als Motivator. Kommunismus hat auch nicht funktioniert. Ungerecht den Arbeitenden gegenüber. Letzteres gerne und häufig mit echtem Zorn auf Menschen, die nicht arbeiten wollen.

Während ich die Frage nach der möglichen Finanzierung und die Frage nach den Auswirkungen auf die allgemeine Arbeitsmotivation für tatsächlich relevant und sehr diskussionswürdig halte, steige ich bei der Wut auf die Arbeitslosen regelmäßig aus. Ich habe diese Gedanken und diese Gefühle einfach nicht. Ehrlich nicht. Die sollen nicht von meinem sauer verdienten Geld leben? Die liegen auf der faulen Haut und kriegen Kohle und wir müssen für unser Geld hart arbeiten?

Ja, was denn sonst?

Erstens gilt das doch für jeden. Grundeinkommen bekäme doch jeder, ich, wir und die. Wer auch immer „die“ sind. Bis vor Kurzem war es ja noch breiter gesellschaftlicher Konsens, ausformuliert im Grundgesetz und getragen von den obersten Gerichten, dass in unserem Land niemand zu einer Arbeit gezwungen werden darf und niemand in menschenunwürdiger Armut leben darf. Niemand. Das schließt eben auch Arbeitsunwillige ein. Das ist zwar im Prinzip auch noch heute so, wird aber durch die Harzgesetze ausgehöhlt. Plötzlich ist von „Fördern und Fordern“ die Rede. Man bekommt den Eindruck, dass Menschen, die so argumentieren, hinter diesen zivilisatorischen Fortschritt zurückfallen wollen.

Meine favorisierte Erklärung ist, dass es sich um einen sozialen Abwärtsvergleich handelt: Man konstruiert eine Gruppe (die „Arbeitsfaulen“), die ganz anders ist als man selbst. Auf diese kann man dann herabblicken und sieht sich dadurch selber im Vergleich größer. Kein Sieger ohne viele Verlierer.

Das führt zweitens zu einer weiteren Täuschung, der Idee der Leistungsgesellschaft. Hier wird behauptet, es gäbe in unserer Gesellschaft einen direkten Zusammenhang zwischen Einkommen und Leistung. Wer sich nur genug anstregente, bekäme, was er verdiene. Diese Vorstellung ist schlicht Kwatsch. Geld kann man vor allem dann verdienen, wenn man ohnehin schon viel Geld hat. Da muss man persönlich gar nichts leisten, außer Risiko und Gier gegeneinander abzuwägen, ansonsten scheißt der Teufel eben immer auf den größten Haufen, auch und gerade am Finanzmarkt. Wer eine gute Idee hat, braucht trotzdem Kapital, um sie umzusetzen. Ohne Kapital geht es nicht, egal wie groß die eigene Leistung sein mag. Und ein verlässliches Maß für Leistung war das Gehalt noch nie. Wer leistet denn mehr: Fondsmanager, Krankenschwestern, Atomphysiker, Mütter, Kindergärtner, Soldaten, Zivildienstleistende, Beamte oder Grubenarbeiter? Schwer zu sagen und nicht am Gehalt zu bemessen.

Aber diese Konstruktion ist notwendig, um sich Erfolge umfänglich persönlich zuschreiben zu können. Dabei spielt diese Überzeugung vor allem denen in die Hände, die Kapital besitzen und Arbeitskräfte benötigen. Die können dann nämlich weiter damit motiviert werden, für Ihre Leistung belohnt zu werden („Leistung soll sich wieder lohnen!“), sich aber vor allem glücklich schätzen, nicht zu denen zu gehören, die auf staatliche Almosen angewiesen sind.

Mir scheint, die gegenwärtige Ablehnung der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens liegt vor allem in dem Bedürfnis nach Selbstaufwertung durch Abwertung und der unkritischen Übernahme eines kapitalistischen Mythos begründet.

Über alles andere sollten wir ernsthaft reden.

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